3 Was uns das Preisschild verschweigt
Shownotes
Der Preis weiß mehr, als jeder Einzelne wissen kann. Was kein Preisschild trägt, behandelt der Markt als wertlos. Wer seine Kosten abwälzen kann, lässt zahlen, ohne zu bezahlen.
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00:00:00: Das ist der Podcast.
00:00:01: Herbert und Mara erklären Wirtschaft.
00:00:03: Heute widmen wir uns dem Thema Preise zeigen viel, aber nicht alles!
00:00:10: Du stehst im Laden vor dir liegt ein T-Shirt also so ein ganz schlichtes einfaches weißes Baumwollshirt.
00:00:17: Fünf Euro
00:00:18: Ein echtes Schnäppchen.
00:00:19: ja
00:00:20: Genau ein unglaubliches Schnäpchen denkst du dir?
00:00:23: Du nimmst es mit gehst direkt zur Kasse.
00:00:26: eine absolute Alltagssituation Also etwas, das wir halt alle ständig tun.
00:00:30: Jeden Tag!
00:00:31: Ja...
00:00:32: Aber lass uns genau hier in diesem einen winzigen Moment mal kurz die Pausetaste drücken.
00:00:39: Wir blenden jetzt mal den ganzen restlichen Laden aus Das helle Licht Die Hintergrundmusik Die anderen Leute an der Kasse
00:00:45: Nur das Shirt.
00:00:46: Wir schauen nur auf diese eine Zahl Auf dem kleinen Pappeticket Diese fünf Euro.
00:00:50: Und genau an diesem Punkt wird es halt unglaublich spannend.
00:00:55: Wir nehmen diese fünf Euro im Alltag ja als etwas völlig banales hin.
00:01:00: Also wir sehen eine Zahl, unser Gehirn gleich das mal eben schnell mit unserem Kontostand ab und wir entscheiden in Millisekunden ist es mir das wert oder nicht?
00:01:08: Ja und das war's dann auch schon!
00:01:10: Genau.
00:01:11: aber unter der Oberfläche dieser simplen Ziffer dieses kleinen Preisschilds verbirgt sich ein Mechanismus von geradezu unvorstellbarer Komplexität.
00:01:21: Es ist eigentlich ein echtes Wunder, dass da am Ende exakt fünf Euro stehen.
00:01:26: Okay also lass uns das mal wirklich im Detail aufdröseln weil wenn wir uns ernsthaft überlegen was in diesen fünf Euro eigentlich alles drin steckt dann wird einem ja fast schwindelig.
00:01:37: absolut.
00:01:38: ich meine wir sprechen von einem T-Shirt aus Baumwolle.
00:01:41: diese Baumwalle wurde vielleicht irgendwo in Indien oder in Texas angebaut.
00:01:47: Da gab es einen Bauern, der Saatgut kaufen musste.
00:01:50: Der Maschinen gewartet hat...
00:01:52: ...der Extrem vom Wetter abhängig war?
00:01:54: Ganz wichtig!
00:01:54: Genau.
00:01:55: und dann wurde diese Baumwolle geerntet, verpackt, verschifft.
00:01:59: Sie wurden in riesigen industriellen Anlagen gesponnen Dann gewebt vielleicht irgendwo in Bangladesche oder Vietnam genäht
00:02:08: Und dann in Containern über die halbe Welt transportiert
00:02:10: Ja durch den Suez-Kanal, durch den Zoll gebracht auf Lkw verladen, in ein vollautomatisiertes Logistikzentrum gefahren und schließlich von einem Mitarbeiter in genau diesen Laden gelegt.
00:02:22: Richtig!
00:02:23: Und all diese Tausenden von Schritten – also all diese Arbeitsstunden und Ressourcen – sumieren sich am Ende exakt auf diese läppischen fünf Euro?
00:02:34: Das ist doch Ihre.
00:02:38: brillantesten Konzepte der modernen Ökonomie, der Wirtschaftsnobelpreis Trigger.
00:02:42: Friedrich August von Hayek hat das mal als Koordination ohne Kommandozentrale bezeichnet.
00:02:51: Ja ein Gedanke den man sich wirklich einmal auf der Zunge zergehen lassen muss.
00:02:54: um dieses T-Shirt herzustellen und für fünf Euro anzubieten bedarf es der Zusammenarbeit von tausenden Menschen auf verschiedenen Kontinenten
00:03:03: Die sich ja alle gar nicht kennen.
00:03:05: Genau, die kennen sich nicht!
00:03:06: Die sprechen nicht dieselbe Sprache.
00:03:08: Die haben völlig unterschiedliche Ziele und trotzdem funktioniert es reibungslos.
00:03:12: Warum?
00:03:13: Weil es nirgendwo auf der Welt ein Ministerium für T-Shirts gibt.
00:03:17: Ah, verstehe...
00:03:18: Es gibt eben keinen zentralen Supercomputer und keinen allwissenden Planer, der all diese Schritte von oben herabdiktiert und berechnet.
00:03:26: Und genau das ist ja das Spannende.
00:03:27: Stell dir mal vor wie die Alternative aussehen würde.
00:03:30: Also eine riesige staatliche Behörde sagen wir mal eine zentrale Planungs- und T-Shirtkommission sozusagen.
00:03:38: Ein Albtraum für jeden Bürokraten!
00:03:41: Absolut, dort säßen Leute die versuchen müssten all das zu steuern.
00:03:46: Die müssten jeden Tag wissen wie viel Baumwolle wächst gerade in Indien?
00:03:50: Was kostet der Schiffsdiesel heute in Rotterdam?
00:03:54: oder wie ist die aktuelle Mode in Berlin?
00:03:56: Ja, es ist mathematisch und logistisch völlig unmöglich all dieses dezentrale Wissen an einem einzigen Ort zu sammeln.
00:04:03: Daran sind historische Planwirtschaften ja regelmäßig
00:04:06: gescheitert.".
00:04:07: Die haben versucht Preise für Brot oder Stahl zentral festzulegen – das Ergebnis waren dann halt endlose Warteschlangen vor leeren Regalen oder massive Überproduktion von Dingen die niemand wollte!
00:04:21: Weil das Wissen in der Welt eben extrem verteilt ist….
00:04:23: Exakt.
00:04:24: Der Baumwollbauer in Indien kennt nur das lokale Wetter auf seinem Feld und seine Kosten für den Dünger Die Rederei kennt nur ihre aktuellen Treibstoffkosten, die Näherin kennt ihren lokalen Lohn Und der Filialeiter kennt seine Ladenmiete.
00:04:41: Niemand hat den Gesamtüberblick Und hier kommt das Wunderwerk des Preises ins Spiel.
00:04:47: Der Preis fasst all diese unzähligen weltweit verstreuten Informationen vollautomatisch zusammen, er übersetzt lokales Wissen in ein globales Signal.
00:04:59: Also
00:05:00: wenn es in Indien eine fatale Dürre gibt?
00:05:02: Dann wird Baumwolle knapp!
00:05:04: Der Bauer verlangt mehr Geld für das wenige dass er hat.
00:05:07: Die Spinnerei muss mehr zahlen, die Rederei transportiert weniger Volumen zu höheren Stückkosten.
00:05:13: Und diese Kette setzt sich fort!
00:05:14: Ganz genau und am Ende steigt der Preis für das T-Shirt im Maden ganz automatisch auf sagen wir sechs Euro.
00:05:25: Niemand musste ein Memo schreiben, niemand musste eine Pressekonferenz abhalten um die Dürre in Indien zu erklären.
00:05:32: Der Preis steigt einfach.
00:05:34: Ja, der Preis steigt und alle Akteure weltweit passen ihr Verhalten automatisch an.
00:05:39: Du im Laden kaufst vielleicht einen Schad weniger oder greifst zu einem aus recycelter Kunstfaser... Der Markt hat sich perfekt selbst reguliert!
00:05:49: Weißt du das ist wirklich ein unschlagbar geniales Werkzeug?
00:05:53: Wenn ich dir so zuhöre und mir diesen weltumspannenden Prozess ansiehe dann drängt es mich da ein ganz bestimmtes Bild auf.
00:06:00: Was für eins!
00:06:01: Man kann sich den Preis eigentlich wie eine extrem stark komprimierte ZIP-Datei vorstellen.
00:06:08: Da steckt das gesamte wirtschaftliche Wissen der Welt drin, Ressourcenknappheit, Wetterdaten, menschlicher Arbeitskraft, Logistik – alles komprimmiert in einer einzigen winzigen Zahl.
00:06:20: Oh, das ist eine hervorragende Analogie
00:06:23: Ja oder?
00:06:24: Und diese Zahl, also dieser Dateiname quasi ist das einzige was unser Gehirn im Alltag verarbeiten muss.
00:06:30: Eine winzige Datei die riesigen Datenmengen enthält und uns die Entscheidung unglaublich leicht macht.
00:06:36: Der Preis ist die ultimative Informationsverdichtung.
00:06:39: ernehmt dir als Konsument die gewaltige kognitive Last ab globale Lieferketten und Arbeitsbedingungen selbst analysieren zu müssen Zum Glück.
00:06:48: Stell dir vor, du müsstest das für jedes Produkt tun, dass du kaufst vom Apfel bis zum Smartphone!
00:06:54: Du würdest verrückt werden.
00:06:56: Der Preis übernimmt diese Rechenleistung für dich und gibt ihr einfach das Endresultat.
00:07:00: Aber... Und hier lenken wir unsere heutige Betrachtung jetzt mal auf die deutlich dunklere Seite dieser Medaille.
00:07:07: Jetzt wird's kritisch.
00:07:08: Wenn dieser Preis eine perfekt komprimierte ZIP-Datei ist Dann habe ich das starke Gefühl, da irgendwas mit dem Komprimierungsalgorithmus nicht stimmt.
00:07:17: Wie meinst du das genau?
00:07:18: Naja, wenn ich diese Datei entpacke dann fehlen doch ganz offensichtlich ein paar extrem entscheidende Dokumente.
00:07:25: Wir haben ja gerade etabliert dass der Preis enorm viel verrät und koordiniert.
00:07:30: aber um für einen T-Shirt am anderen Ende der Welt nur fünf Euro zu verlangen muss dieser Preis doch auch ganz systematisch Dinge verschweigen oder?
00:07:38: Das ist der alles entscheidend Punkt an dem dieses System Risse bekommt.
00:07:42: Um bei deiner Analogie zu bleiben die Zipdatei ist fehlerhaft.
00:07:47: Der Code ist unvollständig geschrieben worden.
00:07:50: Das Problem ist nicht, dass der Preis falsche Informationen liefert sondern das bestimmte Informationen überhaupt erst gar nicht in die Datei hineingeschrieben wurden.
00:07:58: Also es gibt Kossen, die einfach ignoriert werden.
00:08:01: Ja, Kosten die existieren, die ganz real sind.
00:08:05: Die aber vom Preismechanismus schlichtweg ignoriert werden.
00:08:08: Okay das müssen wir konkreter machen.
00:08:10: Was genau sind das für Dokumente?
00:08:13: Die in dieser Zip Datei fehlen?
00:08:15: was wird da systematisch ignoriert?
00:08:17: Der
00:08:17: klassische Fall den schon der britische Ökonom Arthur P. Goh vor über hundert Jahren sehr detailliert beschrieben hat ist die Umweltverschmutzung.
00:08:25: Oh ja!
00:08:26: Das leuchtet sofort ein.
00:08:28: Stell dir eine große Papierfabrik vor, die am Ufer eines malerischen Flusses steht.
00:08:33: Diese Fabrik produziert extrem billig!
00:08:36: Ihr Papier ist ein absoluter Verkaufsschlager auf dem Weltmarkt weil der Preis so konkurrenzlos niedrig ist.
00:08:42: Weil sie irgendwo kosten sparen?
00:08:44: Ganz genau Er isst nur deshalb so niedrig, weil die Fabrik ihre hochgiftigen chemischen Abwässer völlig ungeklärt direkt in den Fluss leitet.
00:08:54: Die Betreiber sparen sich schlichtweg den Bau und den Unterhalt von teuren Filteranlagen.
00:09:00: Aber die Kosten für diese Verschmutzung, also der Schaden, der da entsteht, löst sicher nicht einfach in Luft auf?
00:09:06: Nein überhaupt nicht!
00:09:07: Irgendjemand
00:09:08: muss doch am Ende dafür bezahlen.
00:09:09: Völlig
00:09:10: richtig – die Kosten verschwinden nicht.
00:09:12: Sie werden nur nicht von der Fabrik getragen und tauchen deshalb auch niemals im Preis für das Papier auf.
00:09:19: Die Rechnung wird outsourced
00:09:21: An die Allgemeinheit
00:09:22: Anderte An die Anwohner flussabwehrts, die plötzlich das Wasser nicht mehr trinken können und teure Wasseraufbereitungsanlagen bauen müssen?
00:09:30: An die Fischer deren Lebensgrundlage vernichtet wird.
00:09:33: Und letztendlich an den Steuerzahler der den Fluss Jahrzehnte später für Milliardenbeträge mühsam sanieren muss.
00:09:39: Exakt!
00:09:41: Der Preis von, sagen wir zwei Euro für einen Blockpapier lügt in dem Moment zwar nicht über die reinen Produktionskosten der Fabrik aber seine gesamtwirtschaftliche Rechnung ist schlichtweg katastrophal unvollständig.
00:09:55: Das ist ein echt heftiger Gedanke!
00:09:57: Wenn ich das richtig verstehe bedeutet es ja dass der Markt im Grunde seinen eigenen Ausverkauf organisiert sobald es um Dinge geht wie allen gehören.
00:10:06: Das is eine sehr präzise Zusammenfassung.
00:10:08: Wenn etwas keinen direkten, klar definierten Besitzer hat.
00:10:12: Der sofort eine Rechnung stellen kann wie eben ein Fluss die Atmosphäre oder die Luft zum Atmen dann behandelt der Markt diese Ressourcen so als hätten sie überhaupt keinen Wert
00:10:22: Als wären Sie gratis.
00:10:23: ja
00:10:23: wenn ich das jetzt mal weiter spinne Das müsste doch bei den weltmeeren Eckfakt genauso ablaufen oder?
00:10:29: Ich meine wenn das mehr niemanden gehört schnappt sich jeder den Fisch den er kriegen kann
00:10:33: absolut.
00:10:34: Und der günstige Preis im Supermarkt für den Lachs ignoriert völlig, dass der Ozean in zwanzig Jahren leer gefischt ist.
00:10:40: Du triffst den Nagel auf dem Kopf!
00:10:42: Das ist die Tragik in diesem System.
00:10:45: Überall dort wo wir Ressourcen haben von deren Nutzung man niemanden so leicht ausschließen kann – sogenannte Allmendegüter – tritt dieses Phänomen auf.
00:10:54: Die Überfischung ist ein perfektes Beispiel
00:10:56: Weil jede einzelne Fischer den massiven finanziellen Andreiz hat, zu viele Fische wie möglich aus dem Meer zu holen.
00:11:02: Genau um seinen eigenen Profit zu maximieren!
00:11:05: Wenn er es nicht tut, tut ist der Konkurrent.
00:11:08: Im Preis für das Fischstäbchen im Supermarkt ist der drohende Kollaps der Population nicht mit einer einzigen Ziffer eingepreist
00:11:15: Wahnsinn.
00:11:16: Und genauso ist es bei der Ausbeutung von Grundwasser.
00:11:19: In trockenen Regionen pumpen riesige landwirtschaftliche Betriebe Wasser für Avocados oder Mandeln an die Oberflüche.
00:11:26: Jeder pumpt, was die Rohre hergeben.
00:11:29: Und der Preis für die Avocado im Supermarkt suggeriert alles sein bester Ordnung – während der Grundwasserspiegel drastisch sinkt und lokale Brunnen austrocknen!
00:11:38: Weil jeder völlig legal zugreifen darf aber jeder Griff dem anderen etwas wegnimmt bis am Ende gar nichts mehr da ist?
00:11:45: Der hoch gelobte Preis steuert in diesen Fällen also nicht vernünftig.
00:11:49: er beschleunigt den Kollaps sogar noch und das alles weil diese bestimmte Kosteninformationen fehlt.
00:11:55: Genau Und wir finden solche gravierenden Blindenflecken nicht nur in der Natur.
00:11:59: Um das Bild abzurunden, wenn wir auf das Thema Monopole schauen sehen wir eine ganz andere aber ebenso gefährliche Art von Verzerrungen – der ZIP-Datei!
00:12:09: Wenn
00:12:09: ein wichtiges Stromnetz, eine Eisenbahntrasse oder eine unverzichtbare digitale Infrastruktur von einem einzigen mächtigen Anbieter kontrolliert wird dann ist der Preis kein faires ausbalanciertes Signal von Angebot und Nachfrage mehr.
00:12:25: Er spiegelt nicht mehr die tatsächliche Knappheit von Gütern wieder.
00:12:28: Sondern er ist dann eine reine Machtdemonstration, der Preis zeigt in dem Fall nur an wer am längeren Hebel sitzt und wie viel Schmerz der Konsument bereit ist zu ertragen bevor er aufgibt.
00:12:40: Der Preis wird vom Koordinationsinstrument quasi zur Waffe.
00:12:46: Okay, wir sehen also sehr deutlich dass der Preis die gegenwärtige Realität massiv ignoriert oder verzerrt wenn es um unsere Umwelt- oder ungleiche Machtverhältnisse geht.
00:12:55: Ja das ist leider so!
00:12:56: Aber ich habe das Gefühl das System wird sogar noch absurder und zwar dann wenn der Preis nicht nur die Gegenwart ausblendet sondern gegenwärtige absolut drängende Bedürfnisse opfert nur um zukünftige Gewinne einzustreichen.
00:13:11: Dafür sagt der Kompass doch völlig
00:13:14: Das ist ein exzellenter Übergang.
00:13:16: Preise sind nämlich ökonomisch betrachtet nicht nur einen Spiegel der Gegenwart, sie sind ganz oft eine Wette auf die Zukunft!
00:13:24: Sie
00:13:25: spiegeln reine Zukunftserwartungen wieder und das extremste geradezu schmerzhafteste Beispiel dafür dass wir uns heute unbedingt ansehen müssen ist das sogenannte Land
00:13:37: Banking.
00:13:37: Der Begriff taucht ja immer wieder in Diskussionen über explodierende Mieten auf.
00:13:41: Lass uns das mal ganz präzise auseinandernehmen!
00:13:44: Sehr gern, beim Landbanking kauft ein Investor oder ein großer Fond einen wertvolles Stück Land.
00:13:52: Stell dir ein großes leeres Grundstück mitten in einem dicht besiedelten Ballungsgebiet vor.
00:13:57: In München oder Berlin zum Beispiel?
00:13:59: Genau
00:14:00: Aber dieser Investor kauft das Grundstück nicht, um darauf Wohnungen zu bauen ein Geschäft zu eröffnen oder es sonst irgendwie produktiv für die Gesellschaft zu nutzen.
00:14:09: Was macht der dann damit?
00:14:10: Na und ja baut einfach einen Bauzaun drum herum...und dann tut er nichts!
00:14:15: Er lässt das Land über Jahre manchmal Jahrzehnte einfach brach liegen.
00:14:21: Moment mal also.
00:14:22: da muss ich jetzt wirklich einhaken.
00:14:24: wenn ich mir das überlege ergibt das doch auf den ersten Blick gar keinen Sinn.
00:14:27: Warum nicht?
00:14:28: Der Markt soll doch eigentlich dafür sorgen, dass unsere begrenzten Ressourcen optimal genutzt werden.
00:14:34: Wenn Wohnraum in einer Stadt extrem knapp ist die Mieten durch die Decke gehen und Familien keine Wohnungen mehr finden dann müsste der Preis für dieses Grundstück doch das Ohren betäubende Signal senden hier bitte sofort bauen!
00:14:48: Die Nachfrage is riesig
00:14:51: Sollte man meinen.
00:14:52: ja
00:14:52: Und du sagst mir jetzt In diesem Fall wird die absolute Nicht-Nutzung, also das pure Brach liegen lassen von dringend benötigtem Land auch noch belohnt?
00:15:02: Warum funktioniert das wirtschaftlich überhaupt?
00:15:04: Das ist die absolute Definition eines Paradoxons und es ist völlig verständlich dass das den Verstand herausfordert.
00:15:10: Es funktioniert wirtschaftliche aus einem ganz simplen aber fatalen Grund Die Kosten für das Warten sind gering Aber der Gewinn durch die reine Verknappungen ist gigantisch
00:15:20: Weil die Grundsteuern so niedrig sind.
00:15:22: Genau,
00:15:23: die Grundsteuern auf unbebautes Land sind oft extrem niedrig.
00:15:27: Der Investor hat also kaum laufende Kosten!
00:15:29: Während er einfach nur abwartet, wächst die Stadt um dieses Grundstück herum.
00:15:34: Ah der Start baut neue U-Bahnlinien und Schulen….
00:15:37: Richtig
00:15:37: wir alle zahlen dafür – Die Infrastruktur wird immer besser, der Platz in der Stadt wird immer knapper.
00:15:43: Das Grundstuck gewinnt massiv an Wert völlig ohne dass der Investor auch nur einen einzigen Ziegelstein bewegt hat.
00:15:50: Das ist ja Wahnsinn.
00:15:51: Er wartet fünf oder zehn Jahre, die künstliche Verknappung treibt den Preis in schwindelerregende Höhen und dann verkauft er das Stück Wiese mit einem astronomischen Gewinn.
00:16:00: Der Markt belohnt hier also nicht die Schaffung von Wert?
00:16:04: Er belohnte nicht denjenigen der das Problem der Wohnungsknappheit löst?
00:16:08: Nein überhaupt nicht!
00:16:08: Er belohn das systematische Aushung an der Gesellschaft?
00:16:12: Der Preis zeigt in diesem Moment eben gerade nicht das an was die Gesellschaft eigentlich dringend braucht nämlich bezahlbaren Wohnraum
00:16:19: sondern er zeigt ausschließlich das an, was jemand für das Reine nichts tun in der Zukunft zu kassieren hofft.
00:16:35: kontakariert hier also völlig seinen eigenen Sinn.
00:16:37: Er verhindert aktiv die Nutzen der Ressource, anstatt sie dorthin zu lenken wo sie am dringendsten gebraucht wird.
00:16:44: Das
00:16:44: ist wirklich harter Tobag.
00:16:46: Wir haben jetzt gesehen.
00:16:46: Der Preis ist einerseits ein logistisches Wunder Aber er ignoriert systematisch Umweltschäden Er beschleunigt die Ausbeutung der Meere und er belohnt Spekulanten dafür dass Sie uns den Wohnraum vorenthalten.
00:16:58: Eine ziemlich düstere Bilanz.
00:17:00: Ja
00:17:00: Wenn der Preis in solchen entscheidenden Momenten So massiv versagt, dann frage ich mich echt wie wir das als Gesellschaft überhaupt in den Griff bekommen wollen.
00:17:10: Das ist die große Frage!
00:17:12: Und ich glaube um diese blinden Flecken des Marktes politisch und gesellschaftlich überhaupt lösen zu können muss man dem Unsichtbaren erst einmal einen klaren Namen geben.
00:17:21: Wir müssen die Dinge benennen um sie verändern zu können
00:17:24: Völlig richtig.
00:17:26: Ohne die richtige Sprache ohne das passende analytische Vokabular sind wir blind für die Mechanismen die um uns herumwirken.
00:17:33: Wenn wir das Problem nicht definieren können, können wir auch keine politischen Werkzeuge entwickeln um es zu reparieren.
00:17:39: Und genau für solche Aha-Momente haben wir unsere feste Rubrik Das Gezeiten Glossar.
00:17:44: Hier tauchen wir auf den Grund der Begriffe die sonst oft im theoretischen Trüben bleiben.
00:17:49: Da bin ich gespannt!
00:17:50: Der heutige Begriff, den wir uns ganz dick im Notizbuch unterstreichen sollten lautet Externalität oder eben oft auch externe Effekte genannt.
00:18:00: Ah...die
00:18:01: Externalität.
00:18:03: Die Definition dieses Wortes ist eigentlich erstaunlich schlicht, aber ihre wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen sind wirklich gigantisch.
00:18:12: Was genau bedeutet das nun im ökonomischen Sinne?
00:18:15: Eine Externalität beschreibt schlichtweg die Kosten oder auch den Nutzen einer wirtschaftlichen Handlung, die bei unbeteiligten Dritten anfallen ohne dass sie jemals auf dem Preisschild auftauchen.
00:18:26: Also es passiert etwas zwischen Käufer und Verkäufer...
00:18:29: ...das aber Menschen massiv betrifft, die an dieser eigentlichen Transaktion gar nicht beteiligt waren!
00:18:35: Und der Marktmechanismus verrechnet diese Auswirkungen einfach nicht.
00:18:39: Das heißt, diese Papierfabrik aus unserem früheren Beispiel die irrechemischen Abwässer in den Fluss pumpt und die Fische ruiniert?
00:18:48: Ja.
00:18:48: Das war im Grunde das absolute Paradebeispiel für eine negative Externalität richtig?
00:18:54: Absolut!
00:18:54: Ein Bilderbuch-Beispiel.
00:18:56: der Fabrikbesitzer und der Käufer des Papiers machen ein Geschäft.
00:19:00: Der Fischer am Fluss hat mit diesem Geschäft absolut nichts zu tun aber er zahlt den Preis dafür weil seine Fische sterben.
00:19:07: Die Kosten sind also extern angefallen
00:19:09: Genau, extern also außerhalb des Preisschildes.
00:19:12: Okay das leuchtet ein aber wenn es negative Externalitäten gibt gibt es dann logischerweise auch positive?
00:19:20: Die gibt es tatsächlich!
00:19:21: Also lass mich mal überlegen Wenn ich zum Beispiel beschließe meinen völlig verwilderten Vorgarten auf eigene Kosten in ein architektonisches Meisterwerk zu verwandeln.
00:19:32: Ich pflanze wahnsinnig teure Rosen, lege Wege an, investiere tausende Euro
00:19:37: Sehr lobenswert.
00:19:38: Und plötzlich steigt das Haus meines Nachbarn im Wert.
00:19:41: Einfach nur, weil die ganze Straße jetzt viel edler aussieht.
00:19:45: Er profitiert finanziell von meiner Arbeit ohne dass er mir auch nur einen Cent dafür gegeben hat.
00:19:51: Wäre das dann eine positive Externalität?
00:19:54: Ein sehr schönes und absolut treffendes Beispiel.
00:19:57: Du hast die Kosten
00:19:58: getragen,
00:19:58: aber ein Teil des Nutzens ist auf deinen Nachbarn übergeschwappt.
00:20:01: Gibt es da auch ein klassisches Beispiel aus der Ökonomie?
00:20:04: Ja, ein sehr beliebtes Beispiel um das noch deutlicher zu machen... ...ist der Imker und der Obstbauer.
00:20:11: Stell dir einen Imker vor, der auf seinem Grundstück Bienenstöcke aufstellt!
00:20:15: Er macht das aus reinem Eigeninteresse, um Honig zu produzieren und zu verkaufen.
00:20:20: Direkt nebenan hat ein Obst-Bauer eine riesige Apfelplantage.
00:20:25: Was passiert
00:20:25: jetzt?!
00:20:26: Die Bienen des Imkas fliegen rüber und bestäuben die Millionen Apfelblüten des Nachbarn.
00:20:32: Völlig gratis!
00:20:33: Ah, und der Obstbauer profitiert enorm – seine Ernte fällt vielleicht doppelt so groß aus wie sonst?
00:20:37: Genau Aber er zahlt dem Imker kein Müdenzent für diese unbezahlbare Dienstleistung seiner Bienen.
00:20:43: Richtig
00:20:44: Und auch hier versagt paradoxerweise der Markt, obwohl etwas Gutes passiert.
00:20:48: Warum versagt da hier?
00:20:50: Der Imker bekommt keine finanzielle Belohnung für diesen enormen Nutzen, den er der Gesellschaft stiftet.
00:20:56: Weil dieser Nutzen nicht im Preis seines Honigs auftaugt stellt er vielleicht viel weniger Bienenstöcke auf als es für die Landwirtschaft insgesamt eigentlich optimal wäre.
00:21:05: Ah!
00:21:05: Die Zip Datei verschweigt also nicht nur Kosten sie verschweight manchmal auch den wahren Wert einer Sache Exakt?
00:21:11: Das heißt unterm Strich, sowohl beim verschmutzten Fluss, beim blockierten Bauland als auch bei den fleißigen Bienen sagt der Preis einfach nicht die ganze Wahrheit.
00:21:20: Er
00:21:20: erzählt nur die halbe Geschichte!
00:21:22: So wenn wir all das zusammennehmen – all diese Fehler im System….
00:21:26: Was ist dann die logische Konsequenz?
00:21:28: Sollen wir den Preis als Steuerungselement einfach abschaffen und es doch wieder mit dem großen staatlichen Supercomputer versuchen?
00:21:34: Auf
00:21:34: gar keinen Fall!
00:21:35: Das wäre ein absolut fataler Fehler.
00:21:38: Was wir am Anfang besprochen haben, der Preis ist das einzige System dass Milliarden von Informationen dezentral verarbeiten kann.
00:21:46: Die Lösung ist nicht das Thermometer zu zerschlagen nur weil uns die gemessene Temperatur nicht gefällt.
00:21:53: Was ist dann die Lösung?
00:21:55: Die gesamte moderne Umwelt- und Klimapolitik ist im Grunde nichts anderes als der gigantische komplexe Versuch genau diese unsichtbaren Externalitäten sichtbar zu machen.
00:22:06: Die Politik versucht mit Gesetzen, die fehlenden Dokumente zurück in unsere fehlerhafte ZIP-Datei zu zwingen.
00:22:13: Du meinst also durch Steuern oder strenge Auflagen?
00:22:16: Genau!
00:22:17: Wenn eine Regierung zum Beispiel einen CO²-Steuer einführt, dann zwingt sie die Fabrik dazu den Schaden, denen sie der Atmosphäre zufügt, in ihre eigenen Produktionskosten einzukalkulieren – man nennt das die Internalisierung von externen Effekten.
00:22:35: Plötzlich kostet das T-Shirt oder der Papierblock nicht mehr zwei Euro, sondern drei.
00:22:41: Und plötzlich erzählt der Preis wieder die ganze Wahrheit!
00:22:46: Ihn komplett abzuschaffen führt ins Chaos.
00:22:49: Wir müssen ihm also lediglich durch kluge Institutionen, durch Gesetze und clevere Steuern einen strengeren Rahmen
00:22:56: geben.
00:22:56: Nur dann funktioniert dieses wundersame Koordinationsinstrument wieder so perfekt wie es eigentlich gedacht war
00:23:05: statt den Computer aus dem Fenster zu werfen.
00:23:08: Ein wunderbares Schlussbild!
00:23:09: Finde ich auch.
00:23:11: Wenn du das nächste Mal im Laden stehst und dich über ein unfassbar günstiges Schnäppchen feuest, wie dieses schlichte weiße T-Shirt für fünf Euro fragt dich nicht nur wie das logistisch überhaupt so billig sein kann
00:23:23: sondern fragte
00:23:24: stattdessen Wer da draußen in der Welt zahlt eigentlich gerade heimlich den Rest meiner Rechnung?
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