0 Der Stand des Wassers

Shownotes

Warum Wirtschaft mehr ist als Angebot und Nachfrage. Die drei Analyse-Linsen: Markt, Institutionen und Macht. Warum der „Stand des Wassers“ das Leitbild der gesamten Serie ist.

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00:00:00: Das ist der Podcast Herbert und Mara Erklärenwirtschaft.

00:00:04: Heute widmen wir uns dem Thema Der Stand des Wassers.

00:00:10: Wenn du momentan so die Nachrichten liest, dann siehst Du ja eigentlich überall nur Chaos Reißende Lieferketten Blockierte Handelsrouten Staaten, die irgendwie mit Export verboten um sich werfen Und natürlich diese Inflation Naja, hartnäckig in ganz bestimmten Sektoren einfach festbeißt.

00:00:28: Ja das fühlt sich wirklich oft so an als würde das gesamte globale Wirtschaftssystem direkt vor unseren Augen kollabieren?

00:00:35: Absolut!

00:00:35: Aber was wenn es gar kein Kollaps ist?

00:00:39: Was wenn das, was wir da gerade erleben nur das ablaufende Wasser ist dass zum ersten Mal seit Jahrzehnten das wahre ungeschönte Fundament unserer Weltwirtschaft freilegt?

00:00:49: Das ist ein extrem wichtiger Gedanke.

00:00:51: also dir als Zuhörer, das analytische Rüstzeug zu geben diese ganzen Widersprüche unserer Gegenwart völlig nüchtern zu sitzieren.

00:00:59: Und genau diese Nüchterneid ist aktuell glaube ich das wichtigste Werkzeug überhaupt weil wenn wir in den Nachrichten von Krisen hören neigen wir extrem dazu naja einfach auf die Schaumkronen der Wellen zu starren

00:01:12: Auf die tagesaktuellen Symptome.

00:01:13: quasi

00:01:14: Genau!

00:01:14: Wir sehen dann den gestrandeten Containerfrachter oder diesen plötzlichen Mangel an bestimmten Medikamenten.

00:01:21: Aber um zu verstehen, warum diese Symptome genau jetzt und mit dieser Wucht auftreten müssen wir unseren Blick grundlegend verschieben.

00:01:29: Wir müssen weg von der Oberfläche.

00:01:31: Wichtig!

00:01:32: Weg von der Oberfläche und hinab zu den verborgenen Strukturen die das Ganze überhaupt erst tragen.

00:01:38: Okay, um diese Strukture für dich greifbar zu machen lassen wir die trockenen Theorien jetzt mal für einen Moment beiseite.

00:01:45: Stell dir einfach mal vor du stehst an der französischen Atlantikküste Du stehst am Rande des riesigen Hafens von Brest.

00:01:53: Es ist ganz früh am Morgen, die Luft riecht nach Salz und nach diesem kalten Schlick.

00:01:58: Du schaust so über die Keimauer aber ... Und das ist der Punkt.

00:02:01: du siehst kein Wasser!

00:02:02: Kein Tropfen ja...

00:02:03: Es herrscht extreme Ebbe Die Flut hat sich komplett zurückgezogen.

00:02:07: und dass gewaltige Hafenbecken sind Naja es ist fast komplett leer gelaufen.

00:02:12: Was du jetzt da siehst, ist aber eben kein postapokalyptisches Krisenszenario.

00:02:17: Sondern schlichtweg die nackte rauhe Topografie der Realität, die da unten liegt.

00:02:22: Ein ziemlich krasses Bild!

00:02:23: Ja?

00:02:24: Du siehst... Diese massiven Betonpfeiler, die da tief in den Boden gerammt sind.

00:02:30: Du siehst gigantische Sandbänke, messerschafe Felsen, eine dicke Schicht aus Sediment und mittendrin vielleicht so ne gewaltige alte von Seepocken überzogene Ankerkette, die davor Jahrzehnten mal gerissen ist.

00:02:46: Ja und seitdem der unten liegt?

00:02:47: Genau!

00:02:48: Aber ganz ehrlich... Das klingt jetzt erstmal ziemlich trostlos und nach genau dem typischen Krisenszenario, von dem wir weg wollten.

00:02:57: Warum muten wir dir dieses Bild zu?

00:02:59: Weil es eigentlich ein fantastisches Bild um unsere aktuelle ökonomische Lage zu begreifen.

00:03:07: Wenn du da auf diesen leer gelaufenen Grund starst musst du dir eine fundamentale Tatsache klarmachen Nichts von dem was du dort unten siehst ist erst gestern Nacht entstanden.

00:03:18: Ah ok Die Felsen, der Schlick, diese alte Ankerkette – all diese Dinge waren die gesamte Zeit über da.

00:03:24: Sie waren halt nur unter einer extremen dicken Wasserschicht verborgen.

00:03:28: Weshalb man bequem mit dem Schiff drüber hinweg gleiten konnte?

00:03:31: Ganz genau!

00:03:32: Und wenn wir das nun auf die globale Wirtschaft übertragen, dann müssen wir über die sogenannten Konsensjahre sprechen.

00:03:37: Das ist grob gesagt die Zeit zwischen... ähm... ...Ninzehnhundertneunzig und Zweitausendzwanzig

00:03:42: Also die Ära der Hyperglobalisierung.

00:03:44: Richtig Der eiserne Vorhang war gerade gefallen.

00:03:47: China trat der Welthandelsorganisation bei, die vorherrschende Überzeugung damals war ja immer freierer Handel führt automatisch zu immer mehr Wohlstand und

00:03:56: unweigerlich zu globaler politischer Stabilität.

00:03:59: das war der Glaube.

00:04:01: diese drei Jahrzehnte waren im Grunde wie eine gigantische historische Flutphase.

00:04:08: Das wirtschaftliche Wasser stand enorm hoch.

00:04:11: Wenn man auf die Weltwirtschaft blickte, sah die Oberfläche einfach glatt, ruhig und glänzend aus.

00:04:17: Dass den Teilen Lieferketten funktionierten absolut reibungslos?

00:04:21: Ja.

00:04:21: Kapitalfloss ohne große Widerstände um den ganzen Globus.

00:04:25: Aber das ist jetzt der entscheidende Punkt in unserer Analyse – die extremen Abhängigkeiten!

00:04:31: Also diese hochrisikanten Konzentrationen in den Lieferketten Die tektonischen Brüche in der Geopolitik, all das baute sich in genau dieser Zeit unter der Oberfläche auf.

00:04:42: Ungesehen quasi?

00:04:44: Exakt!

00:04:45: Die ungleiche Verteilung von industrieller Kapazität war da – man hat sie bloß nicht als Risiko wahrgenommen... Das hohe Wasser der ungestörten Logistik hat einfach alles verdeckt.

00:04:55: Das heißt, was wir heute als diese endlose Aneinanderreihung von Krisen empfinden – Pandemie-Nachwähnen, Kriege-, geopolitische Konfliktezölle?

00:05:05: Das ist ökonomisch betrachtet die einsetzende Ebbe!

00:05:09: Ja das Wasser leucht rasant ab….

00:05:12: Die reibungslose Logistik ist weg, die unbegrenzte Kooperationsbereitschaft der Staaten verschwindet und plötzlich krach der Rumpf unseres globalen Wirtschaftsschiffes richtig hart auf die Felsen auf.

00:05:24: Und auch die alten Ankerketten, die die ganze Zeit schon da waren?

00:05:26: Wahnsinn!

00:05:27: Und anstatt jetzt auf der Brücke zu stehen und den totalen Untergang zu beschwören nutzen wir diese seltene Gelegenheit der EBE um den Grund einfach mal exakt zu vermessen.

00:05:38: Völlig richtig Denn die Gezeiten lehren uns ja eins.

00:05:42: Die Flut wird in irgendeiner Form zurückkehren, aber wenn wir das nächste Mal neue Routen planen sollten wir die unsichtbare Topografie darunter sehr genau kennen.

00:05:52: Macht Sinn!

00:05:53: Um diese komplexe Landschaft aus Zöllen, Monopolen und Lieferketten jetzt aber nicht nur planlos anzustarren sondern wirklich systematisch zu analysieren brauchen wir ein präzises gedankliches Instrumentarium

00:06:07: Und genau dafür haben wir drei spezifische Filter entwickelt.

00:06:11: Wenn du ab heute eine komplexe Wirtschaftsnachricht liest, schlagen wir vor dass du diese durch drei übereinander liegende Linsen betrachtest.

00:06:19: Das ist unser Handwerkszeug für heute.

00:06:22: fangen wir direkt mit der grundlegendsten an.

00:06:24: das ist der Markt.

00:06:26: und hier müssen wir sofort mit einem ganz großen Missverständnis aufräumen.

00:06:31: unbedingt

00:06:31: Wenn wir hier vom Markt sprechen, dann reden wir eben nicht von einer moralischen Instanz die irgendwie fleißbelohnt und Gerechtigkeit schafft.

00:06:39: Der Markt ist im Grunde wie ein Algorithmus

00:06:43: Eine ziemlich kühle Maschine

00:06:45: Genau eine Maschine, die auf gnadenlose Effizienz- und Größenvorteile programmiert ist optimiert so lange, bis die billigste und schnellste Lösung gefunden ist.

00:06:56: Und zwar selbst dann wenn diese Lösungen bedeutet das am Ende das gesamte System hochgradig fragil wird.

00:07:02: Das ist der absolute Kern der Marktlinse.

00:07:05: Sie zeigt uns eigentlich nur wie Ressourcenallokationen durch Preismechanismen funktioniert.

00:07:10: Wenn du ausschließlich durch diese erste Linse schaust Dann siehst Du ganz klar warum es günstiger ist Zehntausend Vorprodukte an einem einzigen Ort der Welt zusammenzubauen

00:07:19: statt an fünfzig verschiedenen.

00:07:21: Richtig, die Skaleneffekte also diese sinkenden Stückkosten bei riesigen Produktionsmengen das ist quasi ein Gravitationsgesetz des Marktes.

00:07:29: Aber diese Effizienzmaschine die schwebt natürlich nicht im luftleeren Raum oder?

00:07:33: Nein natürlich nicht.

00:07:34: sie braucht zwingend einen Rahmen in dem Sie operieren kann.

00:07:36: Was uns direkt zur zweiten Linse bringt Die Institution Also die Spielregeln der Wirtschaft Weißt du?

00:07:44: ich vergleiche dass immer wahnsinnig gerne mit den den Spielfeldmarkierungen bei einem Fußballspiel.

00:07:50: Das ist eine gute Analogie!

00:07:51: Wenn du dir so ein Match anschaust, dann nimmst du diese weißen Linien auf dem grünen Rasen unbewusst als absolute Naturgesetze hin.

00:07:59: Wenn der Ball auch nur einen Millimeter über die Linie ist, ist er im Auspunkt.

00:08:04: Da gibt es keine Diskussion?

00:08:05: Genau – aber diese Linien sind ja nicht organisch da gewachsen.

00:08:09: Sie wurden von Menschen erdacht, verhandelt und wortwörtlich mit Kreide auf den Boden gezogen.

00:08:15: Man hätte das Spielfeld Na ja, rund machen können oder die Tore doppelt so breit bauen können.

00:08:20: Das hätte das Spiel komplett verändert.

00:08:22: Oder auch die Regeln der Welthandelsorganisationen.

00:08:25: Eine sehr treffende Analogie!

00:08:27: Wir neigen in unserer alltägliche Beobachtung wirklich oft dazu ein globales Patentsystem oder Handelsverträge wie die Schwertschaft zu behandeln

00:08:35: Als wäre es eine unumstößliche Realität.

00:08:38: Ja aber es sind tiefgreifende menschliche Konstrukte.

00:08:41: Institutionen definieren überhaupt erst was?

00:08:44: auf dem Markt als Ware gehandelt werden darf.

00:08:47: Wer Verträge überhaupt durchsetzen kann?

00:08:49: Und was passiert, wenn jemand diese Regeln einfach bricht?

00:08:52: Genau!

00:08:52: Ohne diese institutionellen Kreidelinien geht es kein geordnetes Markt geschehen sondern einfach nur das pure Recht des Stärkeren.

00:08:59: Institutionen rahmen den Markt ein und sie formen ihn.

00:09:03: Ok, wenn wir jetzt aber akzeptieren dass Institutionenn verhandelbare Spielregeln sind die von Menschen gemacht werden dann drängt sich ja logischerweise sofort die nächste Frage auf

00:09:13: Wer hat den Kreidewagen in der Hand?

00:09:15: Exakt.

00:09:16: Wer entscheidet, wo die Linien gezogen werden und wer hat eigentlich die Durchsetzungskraft sie zu verschieben wenn es ihm nützt.

00:09:24: Das führt uns unweigerlich zu unserer dritten Linse Der Macht.

00:09:28: Die wichtigste Ergänzung

00:09:30: Und ich möchte hier im Vorfeld etwas ganz deutlich betonen um da gar nicht erst in irgendwelche ideologischen Fahrwasser zu geraten Wenn wir über Macht sprechen ist das keine Anklageschrift gegen die da oben

00:09:42: Und auch keine klassische linke Kapitalismuskritik.

00:09:45: Nein, überhaupt nicht!

00:09:46: Macht es in unserer heutigen Untersuchung eine völlig wertfreie, diskriptive Variable.

00:09:52: Stell dir mal vor du bist Physiker und versuchst die Flugbahn eines Objekts zu berechnen.

00:09:57: Okay?

00:09:57: Du weigerst dich aber behaulich die Lufttreibungen mit einzubeziehen weil du Lufttreiber aus irgendeinem Grund unfair findest.

00:10:04: Das würde ziemlich in die Hose gehen.

00:10:07: Ja deine Berechnungen werden immer grandios scheitern Und genauso ist es eben in der Ökonomie.

00:10:13: Wer Macht ausblendet, weil sie in eleganten rein mathematischen Marktmodellen schwer zu fassen ist, der versteht die Wirtschaft schlichtweg nicht zur Hälfte.

00:10:20: Weil Macht einfach ein Faktor ist!

00:10:22: Genau – Macht ist die Fähigkeit von Akteuren seines nun Staaten gewaltige Tech-Konglomerate oder Ressourcen-Kartelle diese Spielregeln zu ihren Gunsten zu biegen oder Asymetrien in Lieferketten direkt als Waffe einzusetzen

00:10:35: Die Marktlinse, die Institutionslinse und die Machtlinse.

00:10:39: Also das klingt in der Theorie wirklich bestechend logisch!

00:10:43: Aber der wahre Test für jedes analytische Werkzeug ist ja immer die schmutzige Realität.

00:10:48: Definitiv!

00:10:49: Lasst uns dir lieber Hörer an einem ganz konkreten hochaktuellen Beispiel zeigen wie extrem sich das Bild verändert wenn man diese drei Linsen übereinanderlegt.

00:11:00: Nehmen wir das absolute Rückgrat unserer modernen Zivilisation

00:11:04: Die Halbleiterindustrie.

00:11:05: Mikrochips, ja?

00:11:07: Ohne diese winzigen Siliziumplättchen funktioniert heute buchstäblich gar nichts mehr!

00:11:11: Kein Smartphone, kein Elektroauto...

00:11:14: Genau.

00:11:15: Kein Bankensystem, kein modernes Wassensystem.

00:11:17: Nichts.

00:11:18: Ein wirklich perfektes Testfeld für unsere Linsen.

00:11:21: Wenn wir als erstes ausschließlich die Markt-Linse aufsetzen dann sehen wir in der halbleiter Industrie das wohl größte Effizienzwunder der Menschheitsgeschichte.

00:11:31: Das ist schon Wahnsinn was da passiert.

00:11:33: Chipfabrik,

00:11:34: einer sogenannten Fab.

00:11:36: Der kostet heute gut und gerne mal zwanzig Milliarden Euro.

00:11:39: Zwanzig Milliarden für eine Fabrik?

00:11:42: Ja!

00:11:42: Und die Maschinen im Inneren sind so unfassbar komplex dass der Markt schlichtweg alles auf radikale Spezialisierung getrimmt hat.

00:11:50: Und das Ergebnis davon?

00:11:51: Das Ergebnis ist, dass sich die Produktion der fortschwutlichsten Chips der Welt heute zu über neunzig Prozent auf eine einzige eigentlich winzige Region in Asien konzentriert.

00:12:00: Aus reiner Marktperspektive ist es brillant

00:12:02: Absolut Maximales Galeneffekte, unübertroffene Effizienz.

00:12:07: Die Stückkosten für diese hochkomplexen Teile werden bis in den Zentbereich gedrückt.

00:12:12: Der Markt hat sein Ziel der totalen Optimierung

00:12:14: erreicht.".

00:12:15: Aber das ist eben nur die glänzende Oberfläche bei Flut!

00:12:18: Diese hochgezüchteten Fabriken in Asien existieren ja nicht in einem Vakuum – legen wir nun mal die zweite Linse also die Institutionen darüber und schlagartig verändert sich das Bild völlig drastisch.

00:12:30: Das stimmt... Wir sehen nämlich plötzlich, dass diese gigantische Fabrik nur deshalb so global operieren kann weil es internationale Handelsabkommen gibt.

00:12:38: Wir sehen auch das geistige Eigentum oder?

00:12:40: Richtig

00:12:40: Patente!

00:12:41: Die bestimmen ja wer überhauptes Wissen hat um diese Chips zu designen.

00:12:45: und vor allem sehen wir gerade jetzt massive Verschiebungen der weißen Linien auf dem Spielfeld.

00:12:50: Genau, wir sehen milliardenschwere Subventionsprogramme wie den CHIPS-Akt in Europa und in den USA.

00:12:56: Mit denen versuchen Staaten auf einmal die pure Marktlogik komplett auszuhebeln und Fabriken auf eigenem Boden zu erzwingen Selbst

00:13:03: wenn das wirtschaftlich also rein von den Kosten her absolut ineffizient ist.

00:13:09: Institutionen greifen massiv in den Markt ein.

00:13:12: Richtig Und an genau diesem Punkt bricht die Erklärungskraft von Markt und Institutionen allein oft ab.

00:13:19: Weil warum pumpen Staaten plötzlich hunderte Milliarden in eine ineffiziente Relokalisierung von Fabriken?

00:13:26: Warum greifen sie in einen eigentlich funktionierenden Markt ein?

00:13:31: Exakt, hier brauchen wir zwingend die dritte Hinse

00:13:34: Die Macht.

00:13:35: Wenn wir durch die Machtlinse auf dieselbe Halbleiterindustrie schauen dann geht es plötzlich überhaupt nicht mehr um Stückkosten oder irgendwelche Handelsverträge,

00:13:44: sondern

00:13:44: es geht um knallharte existenzielle Verwundbarkeit.

00:13:48: Es geht um sogenannte Choke Points also um Flaschenhelse im System.

00:13:52: Macht manifestiert sich in diesen Flaschenhälsen ja oft in völlig unscheinbaren Details, nicht wahr?

00:13:59: Es ist ja nicht nur die eine große Fabrik in Asien, die wir da betrachten müssen.

00:14:03: Exakt!

00:14:04: Da gibt es diese extrem spezialisierten Maschinen um die modernsten Chips überhaupt drucken zu können – das nennt sich EUV-Litographie.

00:14:13: Das ist ne ziemlich abgefahrene Technologie.

00:14:15: Ja und es gibt weltweit effektiv nur ein einziges Unternehmen in den Niederlanden dass diese Maschinen überhaupt bauen kann.

00:14:23: Ein einziges Unternehmen weltweit?

00:14:25: Genau!

00:14:26: Und diese Maschenen wiederum, die nutzen bestimmte optische Technologien und Software, deren Patente wiederum bei amerikanischen Unternehmen

00:14:34: liegen.

00:14:36: Wenn nun ein Staat seine Macht ausübt Wir verbieten aus Gründen der nationalen Sicherheit, dass unsere patentierte Software in diesen Maschinen genutzt wird wenn sie an bestimmte asiatische Länder verkauft werden lag.

00:14:50: Die Macht nutzt hier das institutionelle Konstrukt des Patentrechts um den globalen Markt als geopolitische Waffe einzusetzen.

00:14:58: Wer die Flaschenhälse kontrolliert?

00:15:00: Der kontrolliert im Grunde die Zukunft.

00:15:02: Das ist wirklich eine fantastische Synthese.

00:15:04: Wenn ich nur die Marktlänse auf habe, dann wundere ich mich warum die USA oder auch Europa plötzlich den freien Handel so massiv behindern.

00:15:13: Das wirkt dann wie ein völlig irrationales Marktversagen.

00:15:17: Ja man greift sich an den Kopf

00:15:19: Aber wenn ich die Machtlänze darüber lege Dann ist es eben kein Versagen sondern einen höchst rationaler Geopolitischer Schachzug.

00:15:26: Die Akteure akzeptieren ganz bewusst ökonomische Ineffizienz, also höhere Preise für Chips um im Gegenzug strategische Macht und Sicherheit zu gewinnen.

00:15:36: Erst wenn wir wirklich alle drei Linsen, also Marktinstitutionen und Macht gleichzeitig nutzen verstehen wir die volle Realität des Hafens.

00:15:45: Wir sehen dass Effizienzen und extreme Verwundbarkeit einfach zwei Seiten derselben Medaille sind

00:15:50: Und das ist die absolut wichtigste Lektion dieser Linsenmethodik.

00:15:54: Man kann wirtschaftliche Ereignisse der Gegenwart einfach nicht mehr monokausal erklären – wer das heute noch tut, der scheitert genadenlos an der Realität!

00:16:02: Gut, wir haben nun verstanden wie wir diese Strukturen sichtbar machen können.

00:16:07: Aber wenn wir durch diese Linsen schauen und erkennen dass so eine Konzentration sei es jetzt bei Chips, bei seltenen Erden oder bei Medikamenten geopolitisch hochgradig gefährlich ist.

00:16:19: Warum lösen wir diese struktur nicht einfach auf?

00:16:22: Wenn die Machtlinse uns eindringlich warnt warum schnippen wir nicht mit dem Finger bauen neue Fabriken und entkoppeln uns?

00:16:30: Das ist die entscheidende Frage Und das bringt uns zu einem Konzept, dass beantwortet warum Märkte ein verdammt langes unerbitterliches Gedächtnis haben.

00:16:53: Na

00:17:00: ja, vielleicht nach trockener Akademie klingt.

00:17:02: Aber in der Praxis hat es eine unglaubliche Sprengkraft.

00:17:05: Definitiv!

00:17:06: Fahrtabhängigkeit beschreibt... Kannst du das kurz umreißen?

00:17:10: Klar Es beschreibt im Kern Das Phänomen, dass vergangene Entscheidungen die Handlungsspielräume der Gegenwart massiv einschränken und zwar selbst dann wenn sich die Rahmenbedingungen längst komplett geändert haben.

00:17:24: Also wir hängen in der Vergangenheit fest.

00:17:26: Genau Wenn sich ein System einmal für einen bestimmten Fahrt entschieden hat, oft durch winzige historische Zufälle oder frühe technologische Vorsprünge oder spezifische institutionelle Regeln dann wachsen die Kosten diesen Fahrt jemals wieder zu verlassen exponentiell an.

00:17:44: Bis es irgendwann quasi unmöglich wird?

00:17:46: Ja!

00:17:47: Irgendwann wird das System von der schieren Last der Wechselkosten auf diesem Fahrt regelrecht gefangen gehalten Völlig unabhängig davon, ob es mittlerweile viel bessere effizientere Alternativen gäbe.

00:17:59: Um den Mechanismus dahinter glasglad zu machen habe ich ein Beispiel mitgebracht – dass du lieber höherer vermutlich buchstäblich in genau diesem Moment unter deinen Fingern hast!

00:18:08: Er bin nicht gespannt.

00:18:10: Schau dir mal die Tastatur deines Laptops oder deines Smartphones an….

00:18:14: Die oberste Buchstabenreihe beginnt im Deutschen mit Q-W-E-R-Tz

00:18:20: Das gute alte Quetzlayout.

00:18:22: Genau.

00:18:23: Hast du dich jemals gefragt, warum wir Buchstaben scheinbar völlig wahllos und unergonomisch über das Brett verstreuen?

00:18:30: Das hat absolut nichts mit einer Optimierung der Schreibgeschwindigkeit zu tun.

00:18:34: Ganz im Gegenteil – die Ursache liegt über hundert Jahre in der Vergangenheit!

00:18:41: Exakt!

00:18:41: Und dort löste dieses Layout ein ganz handfestes physikalisches Problem.

00:18:46: Wie sah das aus?

00:18:47: Bei den ganz frühen Schreibmaschinen schlugen ja kleine Metallhäbel mit den Lettern auf einen Farbbankt, wenn ein flinker Schreiber nun zwei Buchstaben die auf der Tastatur direkt nebeneinander lagen rasend schnell hintereinander tippte.

00:18:58: Dann verhargten sich diese Metallhebel auf dem Weg zum Papier physisch ineinander...

00:19:03: ...die Maschine blockierte ständig.

00:19:05: Um dieses ständige Verhaken zu verhindern, haben die Ingenieure das Layout bewusst so entworfen dass die am häufigsten verwendeten Buchstaben Kombinationen räumlich sehr weit voneinander getrennt wurden.

00:19:16: Das ist eigentlich Paradox?

00:19:19: Das Ziel war also das flüssige Tippen subtil auszubremsen oder zumindest mechanisch zu enzerren damit die Hardware überhaupt hinterher kommt.

00:19:27: Ganz

00:19:27: genau!

00:19:28: Eine brillante Lösung für ein mechanisches Problem des späten neunzehnten Jahrhunderts.

00:19:33: Das Faszinierende ist aber, dieses Problem existiert seit der Erfindung der elektronischen Tastatur und erst recht beim Touchscreen schlichtweg nicht mehr.

00:19:42: Das ist der Punkt!

00:19:43: Es gibt längst alternative wissenschaftlich fundierte Tastatur-Layouts bei denen die Finger viel kürzere Wege zurücklegen müssten…

00:19:51: Und mit denen wir alle nachweislich schneller und ergonomischer tippen könnten – und trotzdem tippern wir alle weiterhin Tapfer auf Q-Werts.

00:20:02: Weil der Aufwand Milliarden von Menschen global umzulernen, ihr Tiefsitzen des Muskelgedächtnis zu löschen und die Kosten Milliarden von Geräten physisch umzurüsten so unendlich gigantisch wären dass sie diesen kleinen Effizienzgewinn eines neuen Layouts in der Gegenwart völlig erdrücken.

00:20:23: Die Wechselkosten sind einfach zu hoch!

00:20:25: Der Grund von gestern bestimmt also unausweichlich den Weg von heute das ist Fahrtabhängigkeit in absoluter Reinform.

00:20:34: Das heißt, wenn wir heute in der Wirtschaftspolitik über Resilienz debattieren kämpfen wir oft gar nicht so sehr gegen aktuelle Probleme sondern eigentlich gegen die Phantomschmerzen historischer Entscheidungen.

00:20:59: Weil der Pfad zu tief ist.

00:21:01: Richtig!

00:21:02: Weil sich in der Region über Jahrzehnte ein gigantisches Ökosystem aus hochspezialisierten Zulieferern, aus unzähligen Ingenieuren spezifischem Know-how und extremer lokaler Infrastruktur gebildet hat.

00:21:14: Das ist ein Pfad, der sich unfassbar tief in die globale Wirtschaftslandschaft eingegraben hat

00:21:19: Und damit schließt sich auch das Bild unserer Metapher vom Anfang

00:21:22: Die alte Ankerkette im Schlick von Brest.

00:21:24: Ganz genau Diese verrostete Ankerkette, die wir da unten auf dem trocken gelegten Hafenboden gesehen haben wurde vor fünfzig Jahren von irgendjemandem abgeworfen.

00:21:33: Vielleicht aus purer Not?

00:21:35: Vielleicht aus Versehen – wer weiß das

00:21:36: schon?!

00:21:37: Und als die Flut der Globalisierung darüber stand hat man sie völlig vergessen!

00:21:41: Sie spielte absolut keine Rolle für die Schiffe an der Oberfläche.

00:21:45: Aber heute wo das Wasser weg ist und wir vielleicht überlegen genau an dieser Stelle ein ganz neues Fundament für den Hafen zu gießen liegt dieses monströse, verrostige Eisenteil massiv im Weg.

00:21:59: Wir müssen uns mit ihr auseinandersetzen – weil sie physischer Teil der Struktur geworden ist!

00:22:03: Sie ist die Pfadabhängigkeit des Hafens.

00:22:05: Was für eine gedankliche Reise?

00:22:07: Wir haben dir heute wirklich einiges zugemutet… den Hafen bei extremer Ebbe... ähm ...die feine Mechanik der drei Linsen, Marktinstitutionen und Macht.

00:22:16: …und natürlich die unerbittliche Logik der Pfad-Abhängigkeit.

00:22:20: Ja das war ein dichtes Programm.

00:22:21: Der Grund, warum wir so tief in diese Strukturen eingetaucht sind ist aber simpel.

00:22:27: Wir wollen dir hier keine bequemen Manifeste oder irgendwelche moralisierenden Schuldzuweisungen servieren!

00:22:34: Wir wollen Dir das Vokabular an die Hand geben mit dem Du die komplexe Realität ab heute selbst entschlüsseln kannst.

00:22:41: Genau das ist das Ziel.

00:22:42: Wenn du morgen in den Nachrichten hörst dass eine Rederei ihre Hute ändert oder ein Staat plötzlich einen Exportverbot verhängt dann kannst Du ab jetzt diese Linsen anlegen.

00:22:53: Du wirst nicht mehr nur das oberflichliche Chaos sehen, sondern dass aufeinandertreffen von Marktlogik und Machtstrukturen tief unten am Grund des

00:23:00: Hafens.".

00:23:01: Und um genau dieses gedankliche Werkzeug jetzt direkt in die Praxis zu überführen möchte ich dir zum Abschluss noch einen Gedanken mit den restlichen Tag geben.

00:23:09: Sehr gerne!

00:23:10: Wir

00:23:10: haben heute viel über globale Lieferketten- und Halbleiter gesprochen aber richte diesen analytischen Blick doch mal auf dein ganz persönliches Umfeld auf deine eigene Branche oder deinen Beruf.

00:23:23: Das ist spannend!

00:23:24: Wenn das Wasser in deinem Sektor gerade abläuft und der Grund sichtbar wird, welcher Prozess welche tiefe Struktur in deinim Arbeitsalltag existiert eigentlich nur noch weil es früher in dieser späten Flutphase mal gut funktioniert hat?

00:23:36: Welche

00:23:36: Regel ist vielleicht längst hinfällig?

00:23:39: Exakt und vor allem wo liegt die alte Ankerkette deiner Branche?

00:23:43: Welche längst vergangene Entscheidung hält euch heute eigentlich fast unsichtbar, aber absolut unerbittlich in der Vergangenheit fest?

00:23:49: Einfach nur wegen der schieren Last der Pfadabhängigkeit.

00:23:52: Eine wirklich hervorragende Frage um die Muster der Makroökonomie direkt im eigenen Alltag wieder zu entdecken.

00:23:59: Finde deine Ankerkette!

00:24:00: Genau Damit verabschieden wir uns für heute.

00:24:03: Wir bedanken uns fürs aufmerksame Zuhören und freuen uns schon wahnsinnig darauf beim nächsten Mal wieder gemeinsam mit dir die Linzenschaf zu stellen.

00:24:11: Bis dahin

00:24:12: Bis zum nächsten Mal.

00:24:13: Mach's gut!

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