11 Globalisierung ist kein Naturgesetz
Shownotes
Globalisierung ist kein Naturereignis, sondern ein Bauwerk mit Bauherren China und Kerala: Offenheit schafft Wohlstand und zementiert Abhängigkeit Tiefe, Souveränität, Stabilität: Immer nur zwei sind zu haben
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00:00:00: Das ist der Podcast.
00:00:01: Herbert und Mara erklären Wirtschaft.
00:00:03: Heute widmen wir uns dem Thema Globalisierung als politisches Projekt.
00:00:09: Genau!
00:00:11: Und wenn wir ehrlich sind, wir behandeln die Weltwirtschaft ja total oft so, als wäre sie das Wetter... Also, stell dir vor du stehst am Ufer, blickst auf diese gigantischen globalen Lieferketten und denkst dir dieser massive Austausch von Waren.
00:00:26: Von Daten das ist wie Ebbe-und Flut!
00:00:29: Ja, wie so ein unaufhaltsames Naturgesetz.
00:00:32: Richtig – Ein Naturgesetz dass einfach so über uns herein bricht.
00:00:36: Man bespricht es in den Nachrichten man passt sich irgendwie an aber kann es halt nicht ändern.
00:00:41: Und unsere heutige tiefgreifende Analyse hat da eine ganz klare Mission.
00:00:46: Wir wollen nämlich diesen Mythos komplett auseinandernehmen.
00:00:49: Absolut,
00:00:50: ja!
00:00:51: Denn wenn man sich die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte wirklich mal analytisch ansieht dann wird eines einfach glasklar Die Weltwirtschaft ist eben kein Wetterphänomen.
00:01:02: Nee überhaupt nicht.
00:01:03: Sie ist ein hochkomplexes von Menschen konstruiertes Bauwerk Ein Bauwerk mit sehr detaillierten Baublänen Mit Architekten, die da ganz eigene Interessen verfolgt haben und mit fest definierten Spielregeln.
00:01:16: Das ist ein Superbild!
00:01:18: Es ist echt faszinierend wie sehr sich diese Erzählung vom quasi-automatischen Fortschritt in unseren Köpfen festgesetzt hat weißt du?
00:01:26: Wir betrachten hier aber keine zufällige Evolutionen – wir betracht eine Architektur, die wirklich an konkreten Verhandlungstischen entworfen wurde.
00:01:34: Genau da haken wir direkt ein… Wenn wir über die Entstehlung dieser modernen Globalisierung sprechen, dann schiebt man ja in der Öffentlichkeit wahnsinnig gerne die Technologie vor als diesen großen unvermeidbaren Treiber.
00:01:48: Ja, aber Standardargument.
00:01:50: Genau das Argument lautet immer.
00:01:51: also sobald der Standardcontainer mal erfunden war und diese Glasfaserkabel den Globus umspannt haben da musste die Welt ja zwangsläufig zu diesem hypervernetzten Dorf zusammenwachsen.
00:02:03: Es wird dann immer so getan als hätte uns die Technik da jegliche Entscheidungen abgenommen
00:02:08: Und das ist eben nur die halbe Wahrheit.
00:02:10: Also die Technologie ist natürlich der Motor Das steht völlig außer Frage.
00:02:15: Sie senkt die Reibungsverluste und die ganzen Kosten für Transport oder Kommunikation einfach massiv, aber – und das ist der entscheidende Punkt – ein Motor entscheidet eben nicht über die Fahrtrichtung.
00:02:25: Technik schreibt keine Gesetze.
00:02:26: Richtig!
00:02:27: Stell dir vor du hast dieses riesige Frachtschiff... Die Technologie ist der Motor….
00:02:32: Aber die Handelsabkommen sind quasi das Steuerrad und die Seekarten Und bisher durften halt nur ganz bestimmte Kapitäne die Route einzeichnen.
00:02:41: Super Analogie, ja?
00:02:42: Ob so ein Frachtschiff aus Asien überhaupt in einem europäischen Hafen entladen darf.
00:02:47: Zu welchen Zöllen das dann geschieht, welche Subventionen da erlaubt sind und vor allem ob das eingenommene Kapital danach frei in irgendwelche Steueroasen verschoben werden darf – das entscheidet ja kein Algorithmus!
00:02:58: Und auch kein Schiffsmotor.
00:03:00: Genau, das sind harte von Menschen getroffene politische Entscheidungen die in internationalen Verträgen fixiert werden.
00:03:07: Und das bringt uns direkt in diese Zeit nach nineteenhundertfünfundvierzig als genau diese Verträge entworfen wurden.
00:03:14: Die westlichen Industrienation, also da vor allem die USA, die begannen damals die Institutionen zu bauen, die wir heute einfach so als Gott gegeben hinnehmen?
00:03:24: Ja, das Gadd zum Beispiel!
00:03:25: Genau, dass Gadd für den Freihandel aus dem Jahr später die WTO wurde dann der Internationale Währungsfonds, die Weltbank.
00:03:33: und wenn man sich diese Gründungsjahre mal anschaut Dann fällt extrem auf, dass diese Architekten ganz selektiv vorgegangen sind.
00:03:41: Oh ja total!
00:03:42: Sie wollten unbedingt offene Märkte aber eben für ihre Industriegüter und sie haben etwas anderes nämlich das Kapital am Anfang extrem streng kontrolliert.
00:03:51: Das ist wirklich ein oft vergessen Aspekt von diesem ursprünglichen Bretton-Wood System.
00:03:56: Die frühen Architekten der Globalisierung wollten diesen Handel mit Gütern absolut Aber sie erlaubten eben gerade keinen völlig freien, deregulierten Kapitalverkehr.
00:04:06: Was ja erstmal kontraintuitiv klingt für uns heute?
00:04:09: Total!
00:04:10: Aber die Frage ist ja warum?
00:04:12: Weil diese Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg massive Wohlfahrtsstaaten aufbauen mussten.
00:04:16: Sie brauchten ganz dringend die Steuergelder – ihre Unternehmen und der reichen Bürger.
00:04:21: Klar
00:04:22: Wenn das Kapital damals schon sofort quasi per Knopfdruck ins Ausland hätte flüchten können, dann wären diese ganzen nationalen Sozialsysteme überhaupt nicht finanzierbar gewesen.
00:04:31: Das heißt erst viel später so in den Siebziger und Achtziger Jahren wurde diese Architektur dann radikal umgebaut oder?
00:04:37: Genau!
00:04:38: Erst da wurde das Kapital richtig entfesselt und die Finanzmärkte wurden dereguliert.
00:04:44: man hat die Spielregeln also später ganz bewusst nochmal umgeschrieben.
00:04:48: Wir haben es hier also wirklich nicht mit einem Naturgesetz zu tun,
00:04:52: sondern mit einem System da ständig nach den Bedürfnissen der dominierenden Wirtschaftsmächte justiert wurde.
00:04:59: Ja so kann man das sagen
00:05:00: und das führt uns zu einem massiven blinden Fleck in dieser ganzen Architektur.
00:05:05: denn wenn westliche Staaten dieses System über Jahrzehnte so geformt haben stand dahinter ja nicht nur ein wirtschaftliches sondern ein zutiefst politisches Kalkül
00:05:14: die berühmte fehlerhafte Formel.
00:05:16: genau Es gab da diese unausgesprochene, fast schon unantastbare Formel im Westen.
00:05:22: Die hieß wenn wir ein Land in den globalen Handel integrieren dann entsteht dort Wohlstand.
00:05:30: dieser Wohlstand bringt dann automatisch eine Mittelschicht hervor und diese Mittelsschicht die wird früher oder später unweigerlich politische Freiheit und Demokratie einfordern.
00:05:40: Ja das war diese bekannte These vom Ende der Geschichte.
00:05:43: man ging im westen wirklich fest davon aus dass wirtschaftliche Offenheit und liberale Demokratie so eine Art siamesisches Zwillingspaar sind, dass man die gar nicht trennen kann.
00:05:54: Was ja ne krasse Annahme ist wenn man heute drüber nachdenkt?
00:05:57: Total!
00:05:57: Und der absolute Höhepunkt von diesem architektonischen Glauben das war das Jahr zwei tausend eins als China in die Welthandelsorganisation aufgenommen wurde Stimmt,
00:06:06: die WTO-Aufnahme Die
00:06:08: strategische Annahmen.
00:06:09: dahinter war exakt diese Formel Man bindet China in diese globalen Lieferketten ein Das Land wird dadurch reich Und durch den Reichtum wird sich das politische System in Peking quasi ganz von innen heraus liberalisieren.
00:06:23: Waren die Architekten dieses Systems da einfach naiv?
00:06:27: Haben sie wirklich geglaubt, dass der Export von Kühlschränken und Autos quasi automatisch die politische DNA eines Landes umschreibt?
00:06:35: Weil wenn wir uns heute – also über zwanzig Jahre später – die Realität ansehen, dann müssen wir ja einfach feststellen, das war eine kolossale Fehleinschätzung!
00:06:43: Eine gigantische, ja...
00:06:45: China hat diese Spielregeln der Globalisierung gerade zum Meisterhaft für sich genutzt.
00:06:49: Das Land hat hunderte Millionen Menschen aus der Bitteren Armut geholt, es ist wirklich zum industriellen Zentrum der Welt geworden – aber diese politische Liberalisierung…
00:06:59: Die ist komplett ausgeblieben!
00:07:00: Genau die ist einfach nicht passiert im Gegenteil oder?
00:07:03: Ja, absolut im Gegenteil.
00:07:05: Der gewachsene wirtschaftliche Reichtum und vor allem auch diese ganzen neuen technologischen Möglichkeiten wurden ja genutzt um dieses autoritäre System noch effizienter und zentraler zu steuern.
00:07:16: Aber wie konnten die westlichen Strategen sich da so fundamental irren?
00:07:21: Sie haben einfach die Eigendynamik und auch die krasse Anpassungsfähigkeit von staatskapitalistischem System in schlichtweg ignoriert.
00:07:28: Die Grundannahme war ja dass ein freier Markt den Staat automatisch schwächt.
00:07:32: Ah, okay.
00:07:33: Aber China hat eben bewiesen dass man den Weltmarkt nutzen kann um den eigenen Staat massiv zu stärken.
00:07:38: Durch welche Mechanismen genau?
00:07:40: Na ja zum Beispiel durch diesen Joint Venture-Zwang für ausländische Unternehmen.
00:07:45: Du willst in China produzieren dann musst du dich mit einem chinesischen Partner zusammen tun und dein Wissenteilen.
00:07:52: Dann durch strategische Subventionen von ganz bestimmten Schlösselindustrien Und durch diesen ganz systematischen Aufbau von Technologieführerschaft.
00:08:02: So wurde der internationale Handel eben nicht zum Trojanischen Pferd der Demokratie, sondern zu einem gigantischen Finanzierungsinstrument des Staates.
00:08:11: Wow okay!
00:08:13: Die Formel der westlichen Architekten hat hier also schlichtweg nicht funktioniert weil die nicht verstanden haben dass man im wirtschaftliche Freiheiten gewähren kann ohne auch nur ein Stückchen von diesem Monopol auf die politische Macht aufzugeben.
00:08:27: Exakt das ist der Punkt.
00:08:29: Also halten wir das für unsere tiefgreifende Analyse mal fest.
00:08:32: Die Annahme, dass der Export von Gütern automatisch Demokratien formt ist krachend gescheitert!
00:08:39: Die Architektur der Globalisierung formt die Gesellschaften eben nicht automatisch nach westlichem Vorbild.
00:08:45: Nein tut sie nicht.
00:08:46: Lass uns an diesem Punkt den Blickwinkel vielleicht mal komplett drehen.
00:08:49: Gerne
00:08:51: Wir haben jetzt die ganze Zeit über Institutionen gesprochen – über Güter, über Kapital.
00:08:56: Aber was passiert eigentlich mit dem Faktor, der in diesen ganzen Handelsverträgen meistens am stiefmütterlichsten behandelt wird?
00:09:02: Du meinst den Menschen.
00:09:03: Genau!
00:09:03: Was passiert wenn eine Volkswirtschaft nicht primär Güter exportiert sondern ihre eigenen Arbeitskräfte?
00:09:09: Oh
00:09:09: ja da betreten wir wirklich eine der faszinierendesten ökonomischen Dynamiken unserer Zeit und die Datenlage führt uns da direkt in den Süden Indiens – in den Bundesstaat Kerala.
00:09:20: Die
00:09:20: Wirtschaftsstruktur da in Kerala, die unterscheidet sich einfach fundamental von so klassischen Export-Nationen.
00:09:27: Das primäre Exportgut von Keralaa sind eben nicht Textilien oder irgendwelche Elektronikbauteile sondern Arbeitskräfte – hochqualifizierte und auch unqualifizzierte.
00:09:39: Und wo gehen sie hin?
00:09:40: Etwa zwei Millionen Menschen aus diesem einen Bundesstaat arbeiten in den Golfstaaten also in so Metropolen wie Dubai, Doha oder Riyadh.
00:09:50: Zwei Millionen, das ist Wahnsinn.
00:09:53: Und die finanziellen Dimensionen, die das auslöst?
00:09:55: Die sind ja auch atemberaubend oder?
00:09:57: Total!
00:09:58: Diese
00:09:58: Rücküberweisungen also das Geld dass diese ganzen Arbeiter jeden Monat zurück zu ihren Familien nach Kerala schicken Das macht zeitweise rund ein Viertel der gesamten regionalen Wirtschaftsleistung aus.
00:10:12: Ja, das ist absolut kein Taschengeld mehr.
00:10:14: Das ist faktisch das Rückgrat dieser gesamten Wirtschaft!
00:10:17: Wenn man da durch Kerala fährt dann sieht man diesen Wohlstand wohl auch extrem deutlich habe ich mir sagen lassen.
00:10:24: es gibt ja eine wahnsinnig hohe Konsumquote die Leute bauen sich große Häuser und der Lebensstandard ist also für indische Verhältnisse wirklich weit überdurchschnittlich hoch.
00:10:34: Die Armut ist niedrig.
00:10:36: Ja, dass stimmt.
00:10:38: Man könnte also auf den ersten Blick sagen Perfekt, das System funktioniert super.
00:10:42: Die Globalisierung bringt den Reichtum genau dorthin wo er auch gebraucht wird.
00:10:46: Ja auf den ersten Blick vielleicht Aber wenn wir die strukturellen Mechaniken von diesem Modell mal wirklich zerlegen dann offenbart sich da ein enormes ein ganz massives Risiko.
00:10:57: Okay Wo liegt der Haken?
00:10:59: Der Haken ist dass Kirella die gesamten gesellschaftlichen Vorlaufkosten trägt.
00:11:04: der Bundesstaat finanziert ja die Schulen die Universitäten die Krankenhäuser.
00:11:09: Er zieht eine gesunde, gut ausgebildete Arbeitskraft heran.
00:11:13: Und genau in dem Moment, in dem dieser Mensch dann produktiv wird und Steuern zahlen könnte, verlässt er das Land!
00:11:19: Das ist faktisch eine gigantische subventionierte Lieferung von human Kapital an Staaten die sowieso schon weitaus reicher sind.
00:11:28: Ah, das ist ein exzellenter Punkt.
00:11:29: also stell dir das mal im kleinen Maßstab vor für dich als Hörer.
00:11:33: Du finanzierst jahrelang die wirklich teure Ausbildung deines Kindes.
00:11:36: Du zahlst die Nachhilfe, du kümmerst dich um die Gesundheit das volle Programm und an dem Tag, an dem dein Kind anfängt zu arbeiten und eigentlich Steuernzahlen und Innovationen in deine eigenen Gemeinde schaffen könnte, da zieht es einfach zum reichsten Nachbarn in eurer Straße und dieser Nachbar bekommt die fertige perfekte Arbeitskraft ohne dass er jemals auch nur einen einzigen Cent in diese Ausbildung gesteckt hat.
00:12:00: Das ist ein super Vergleich.
00:12:02: Kera lag, konsumiert zwar unheimlich viel durch dieses zurückgeschickte Geld aber es baut eben keine eigene nachhaltige Industrie auf.
00:12:10: Was ja fatales!
00:12:11: Absolut.
00:12:12: und genau diese fehlende Industrie die zementiert dann die Abhängigkeit für die nächste Generation gleich mit.
00:12:18: Die muss da nämlich ebenfalls auswandern weil es zu Hause einfach keine adäquaten Jobs gibt.
00:12:23: Ein Teufelskreis?
00:12:25: Ja.
00:12:25: Aber was dieses Modell so extrem verletzlich macht, ist vor allem die asymmetrische Machtverteilung.
00:12:31: Diese Arbeiter aus Kerala haben in den Golfstaaten in der Regel ja überhaupt keine dauerhaften Bürgerrechte.
00:12:37: Die hängen da komplett an ihren Arbeitsvisern.
00:12:40: Das heißt wenn da politisch der Wind dreht?
00:12:42: Exakt.
00:12:43: Wenn eine Regierung am Golf morgen aufgrund von einer kleinen wirtschaftlichen Delle entscheidet, bestimmte Sektoren nur noch mit eigenen Staatsbürgern zu besetzen und das ist ein Prozess der Unterbegriffen wie Saudisierung ja längst läuft dann wird der Geldharm für Kerala quasi über Nacht abgedreht Und Keralaa hat überhaupt keine politische Handhabe dieses Einkommen irgendwie zu schützen.
00:13:08: Wahnsinn Diese extreme Verletzlichkeit der keralesischen Arbeiter, die führt uns eigentlich zum absoluten Kernproblem unserer heutigen Untersuchung.
00:13:17: Quasi dem größten Webfehler in diesen ganzen Bauplan der Globalisierung!
00:13:24: Genau – Die radikale Ungleichheit der Mobilität.
00:13:28: Wenn wir dieses ganze System betrachten dann sehen wir das Kapital und Güter behandelt werden wie Wasser.
00:13:34: Ja, sie fließen einfach.
00:13:36: Sie suchen sich immer den Weg des absolut geringsten Widerstands!
00:13:40: Ein internationaler Konzern kann heute per Mausklick seine Gewinne in ein Land mit viel niedrigeren Steuern verschieben.
00:13:47: Der kann beschließen eine Fabrik in Europa einfach zu schliessen und den Asien komplett neu zu bauen weil die Lohnkosten dort profitabler sind.
00:13:56: Das Kapital ist hypermobil.
00:14:01: Arbeit ist im direkten Vergleich vollkommen immobil.
00:14:05: Menschen sind an ihre Sprache gebunden, an ihre Kultur, an Ihre Familien
00:14:09: und an Grenzen!
00:14:10: Richtig sie stoßen an die härtesten Grenzen unseres Systems nationale Pässe- und Einwanderungsgesetze.
00:14:16: ein Fabrikarbeiter dessen Werk da gerade ins Ausland verlagert wird der kann eben nicht einfach per Mausklick seinen Standort wechseln und dem Kapital hinterherziehen.
00:14:24: Nee, absolut nicht.
00:14:26: Aus dieser tiefen Asymetrie also das Kapital kann jederzeit fliehen.
00:14:30: der Mensch muss aber bleiben.
00:14:32: da resultiert ein extremer struktureller Druck auf die Nationalstaaten.
00:14:36: Weißt du, ich habe das lange Zeit immer für einen Fehler im System gehalten.
00:14:40: Man hört ja wahnsinnig oft dass die Globalisierung an diesem Punkt irgendwie aus dem Ruder gelaufen sei.
00:14:45: Dass ein Versehen wäre wenn Staaten jetzt plötzlich anfangen ihre Unternehmenssteuern in den Keller zu senken oder Arbeit-Nemerschutzrechte aufweichen, Umweltauflagen ignorieren – alles nur um noch Investoren anzulocken!
00:14:58: Dieser berühmte Race to the Bottom, ja?
00:14:59: Genau.
00:15:00: Der Wettlauf nach unten!
00:15:01: Aber
00:15:02: das ist eben kein Versehen.
00:15:04: Das ist überhaupt kein Betriebsunfall Es ist die zwingende eiskalte mathematische Logik dieses Systems.
00:15:10: Okay, erklär das mal
00:15:12: Wenn man einen globalen Raum schafft in dem das Kapital wirklich frei zirkulieren kann Während aber die politische Gesetzgebung an diese nationalen unbeweglichen Grenzen gebunden bleibt Dann müssen die Staaten zwangsläufig in so einem Unterbietungswettbewerb treten.
00:15:28: Sie haben gar keine Wahl!
00:15:29: Null, sie haben keine andere Wahl als das Kapital zu hoffieren.
00:15:34: Das System tut exakt das wofür es konstruiert wurde.
00:15:37: Es belohnt die Mobilität des Kapitals massiv und ist bestraft.
00:15:41: die Immobilität der Arbeit und der nationalen Politik.
00:15:45: Puh
00:15:45: ok wenn wir diese eiskalte Logik jetzt mal akzeptieren dann müssen wir uns aber unweigerlich fragen Wie kann die Politik darauf überhaupt noch reagieren?
00:15:56: Ich meine, wenn dieser Wettlauf nach unten den sozialen Frieden im Land gefärgert.
00:16:00: Weil die Ungleichheit im Inneren der Staaten ja immer weiter wächst.
00:16:04: Welche Handlungsspielräume haben Gesellschaften dann überhaupt?
00:16:08: Gibt es einen Ausweg aus diesem gigantischen Architekturfehler?
00:16:12: Hier wird es jetzt philosophisch und analytisch zugleich.
00:16:17: Die tiefste Antwort darauf liefert uns der Ökonom Dani Rodrik.
00:16:21: Er hat ein Konzept formuliert, dass diese gesamte Zerrissenheit unserer modernen Weltwirtschaft wirklich perfekt auf den Punkt bringt.
00:16:27: Das Globalisierungstrilemma?
00:16:29: Richtig?
00:16:29: Ganz genau!
00:16:30: Das Globalisierungsstrilemma.
00:16:33: Rodrik argumentiert das Gesellschaften im Kern eigentlich drei legitime große Ziele verfolgen.
00:16:38: Okay.
00:16:39: Erstens die tiefe wirtschaftliche Integration also die Hyper-Globalisierung, um maximal von diesen globalen Lieferketten und Investitionen zu profitieren.
00:16:50: Zweitens – Die demokratische nationale Souveränität.
00:16:54: Also das Recht im eigenen Land, die eigenen Gesetze steuern und Standards wirklich völlig frei zu bestimmen.
00:17:02: Und drittens – Die politische Stabilität.
00:17:05: Den sozialen Frieden und den Zusammenhalt innerhalb der Gesellschaft.
00:17:09: Das klingt nach drei Dingen, die eigentlich jedes Land sofort unterschreiben würde.
00:17:14: Ich würde auch sagen her damit wir nehmen das komplette Paket!
00:17:17: Wir wollen den Wohlstand des Weltmarktes, wir wollen
00:17:20: vollkommen
00:17:21: selbst bestimmen und wir wollen dass es unseren Bürgern gut geht und Frieden
00:17:24: herrscht.
00:17:25: Tja und genau da schnappt die Falle von diesem Trilämmer unwahrmäßig zu
00:17:29: Verdammt!
00:17:30: Dass eher eine Gesetz dieses Konzepts lautet nämlich du kannst niemals alle drei Dinge gleichzeitig haben
00:17:37: Niemals?
00:17:38: Niemals Nazie mal zwei!
00:17:41: Sobald du versuchst das dritte Ziel auch noch zu erreichen, zerstörst du unweigerlich eines der anderen beiden.
00:17:47: Okay?
00:17:48: Lass uns das mal intellektuell durchspielen damit es wirklich greifbar wird.
00:17:52: Gerne.
00:17:53: Nehmen wir mal an eine Nation sagt Wir wollen diese absolute Hyperglobalisierung.
00:17:58: Wir öffnen alle Grenzen für das Kapital und gleichzeitig bestehen wir aber auf unserer vollen nationalen Souveränität.
00:18:05: wer lassen uns von keinen internationalen Gremien reinreden?
00:18:09: Dann schlägt dieser Race to the bottom doch voll durch, oder?
00:18:13: Wenn das Kapital jederzeit abwandern kann und wir eben keine globalen Standards oder an Mindeststeuern akzeptieren dann müssen wir unsere eigenen Steuern- und Löhne immer weiter senken um überhaupt wettbewerbsfähig zu bleiben.
00:18:24: Richtig!
00:18:25: Das bedeutet aber doch der Staat hat irgendwann schlichtweg kein Geld mehr um die ganzen Verlierer dieses Wettbe werbes im eigenen Land zu entschädigen.
00:18:34: Die Ungleichheit wächst dann rasant.
00:18:37: Exakt Und damit opferst du automatisch Ziel Nummer drei, die politische Stabilität.
00:18:43: Die Gesellschaft polarisiert sich dann.
00:18:45: Populistische Strömungen gewinnen an Macht weil sich große Teile der Bevölkerung einfach schutzlos diesem Weltmarkt ausgeliefert fühlen.
00:18:52: Du hast also die Integration und die Souveränität gewählt Aber den sozialen Frieden Den hast du verloren.
00:18:59: Okay das leuchtet ein.
00:19:01: Dann lass mich das System mal herausfordern Was ist wenn wir das nicht hinnehmen?
00:19:06: Was
00:19:07: meinst du?
00:19:08: Wenn wir sagen, wir wollen diese enormen Vorteile der globalisierten Wirtschaft unbedingt behalten.
00:19:15: Aber wir weigern uns kategorisch den sozialen Frieden dafür zu opfern!
00:19:19: Wir wollen Stabilität und den Weltmarkt.
00:19:22: Kann sich da nicht einfach ein massiver Wirtschaftsraum, sagen wir mal die Europäische Union hinstellen und sagen wie regulieren das jetzt einfach streng?
00:19:31: Sie können es versuchen – absolut.
00:19:33: Aber um das wirklich effektiv zu tun, greift dann sofort die zweite Regel des Trilamas.
00:19:37: Oh
00:19:37: je und die wäre?
00:19:39: Wenn
00:19:39: du wirtschaftliche Integration- und politische Stabilität willst, dann musst Du einen globalen rechtlichen Rahmen schaffen der dieses hochmobile Kapital zähmt.
00:19:47: Mhm leuchtet ein!
00:19:48: Du brauchst also überstaatliche Institutionen Institutionen, die bindende Regeln für Steuern und Umwelt und für Arbeitsschutz auch wirklich grenzüberschreitend durchsetzen.
00:19:58: Und was opferst du genau in diesem Moment?
00:20:00: Meine nationale demokratische Souveränität?
00:20:03: Ganz genau.
00:20:04: Deine eigenen nationalen Parlamente haben dann eben nicht mehr das allerletzte Wort sondern über nationale Gerichte und Kommissionen entscheidend mit.
00:20:14: Du delegierst deine Macht nach oben.
00:20:16: Und das ist exakt der Punkt, an dem ja wahnsinnig viele Wähler heutzutage rebellieren.
00:20:21: Weil sie eben das Gefühl haben gar nicht mehr selbst über ihr eigenes Land zu beschrimmen – die EU ist daher das beste Beispiel für diese Spannungen!
00:20:28: Richtig da sehen wir überall.
00:20:29: Bleibt noch die dritte Option in diesem Trilämmer?
00:20:32: Wir ziehen einfach die Reißleine.
00:20:35: Einland sagt uns ist unsere nationale Souveränität Absolut heilig, wir wollen zu hundert Prozent selbst entscheiden und wir wollen um jeden Preis unsere heimischen Arbeiter schützen und die politische Stabilität garantieren.
00:20:47: Was ist der Preis dafür?
00:20:49: Der Preis dafür ist das Ende der tiefen wirtschaftlichen Integration.
00:20:54: Also Grenzen zu!
00:20:55: Genau du musst dann Schutzzelle erheben, du musst den Kapitalverkehr einschränken.
00:21:00: Du musst deine Grenzen für Güte und Dienstleistungen streng kontrollieren um eben diesen globalen Wettbewerbsdruck von deiner Gesellschaft fern zu halten.
00:21:08: Das klassische Protektionismusmodell?
00:21:11: Ja!
00:21:12: Du kaufst dir deine Souveränität und deine Stabilität mit dem harten Verzicht auf den ganzen Wohlstand, den die Hyperglobalisierung dir eigentlich gebracht hätte.
00:21:20: Das ist wirklich ein unglaublich mächtiges Werkzeug Also um die politische Rhetorik unserer Zeit mal zu entschlüsseln.
00:21:27: Stell dir vor, für dich als Hörer wenn ihr das nächste Mal im Wahlkampf ein Politiker im Fernsehen exakt dieses goldene Versprechen macht er sagt wir holen uns die absolute Kontrolle über unsere Gesetze zurück Wir schützen unsere heimische Industrie!
00:21:42: Wir garantieren sozialen Frieden und wir werden weiterhin die Exportweltmeister bleiben und maximal vom globalen Freihandel profitieren.
00:21:51: Ein Klassiker ja?
00:21:53: Dann weißt du jetzt, dank dieses Trilemmas eines ganz sicher.
00:21:58: Eines dieser Versprechen ist eine mathematische Unmöglichkeit.
00:22:02: Die wirklich spannende Frage für dich als Wähler ist dann eigentlich nur noch Welches dieser drei Ziele streicht dieser Politiker gerade heimlich von seiner Liste?
00:22:12: Das ist ein super Fazit.
00:22:14: das Trilemma ist wirklich wie so ein physikalisches Gesetz der Ökonomie.
00:22:18: Man kann es vielleicht eine Weile ignorieren Aber man kann sich seinen Konsequenzen einfach nicht entziehen.
00:22:24: Absolut!
00:22:25: Und damit ziehen wir jetzt die entscheidenden Fäden unserer heutigen Betrachtung zusammen, was uns ganz nahtlos zu unserem gezeiten Glosser erführt.
00:22:33: Sehr gerne!
00:22:34: Der zentrale Begriff der diese wahnsinnig komplexe Architektur dieser Weltwirtschaft eigentlich am besten definiert ist – genau das.
00:22:41: Das Globalisierungstrilemmer.
00:22:43: Die kurze prägnante Erkenntnis für dich lautet einfach Von diesen drei Gütern, also tiefe wirtschaftliche Integration, nationale Souveränität und politische Stabilität lassen sich immer nur zwei realisieren.
00:22:56: Jede politische Entscheidung in der Handelspolitik ist letztlich immer nur die Wahl welches dieser drei Güter man opfern
00:23:02: möchte.".
00:23:03: Wenn wir das jetzt alles zusammennehmen – also die gescheiterten politischen Erwartungen an China, die systematische Abhängigkeit von Volkswirtschaften wie Kälala Dann bleibt uns am Ende ein ziemlich unbequemer, aber wie ich finde essenzieller Gedanke.
00:23:20: Die Globalisierung ist eben kein Naturschauspiel – sie ist ein Bauwerk dessen westlicher Architekten gerade selbst total an den Rissen in ihrem eigenen Fundament verzweifeln.
00:23:33: Und wenn diese Spielregeln also ohnehin von Menschen gemacht sind und jetzt ins Wanken geraten lasst uns doch mal das Experiment wagen!
00:23:40: Wie sehe der Bauplan der Weltwirtschaft eigentlich aus, wenn ihn morgen nicht dieses extrem mobile westliche Kapital entwerfen würde?
00:23:49: Stell dir mal vor die Blaupause für das nächste Jahrhundert würde von den unbeweglichen Arbeitnehmern am Golf gezeichnet.
00:23:56: Oder von den Gesellschaften des Globalen Südens.
00:23:59: oder vielleicht sogar rein aus der Perspektive des globalen Klimas – wer schreibt eigentlich die nächsten Regeln, wenn die Alten doch offensichtlich ausgedient haben!
00:24:07: Wow, ja das ist eben nicht nur so eine theoretische Überlegung.
00:24:11: Es ist genau der Verteilungskampf, der die geopolitischen und auch die ökonomischen Debatten der nächsten Dekaden vollständig dominieren wird.
00:24:20: Ein perfektes Schlusswort!
00:24:22: Danke fürs Zuhören bei dieser Reise durch unsere Quellen.
00:24:25: Nimm diese Perspektive mit – schau hinter die Versprechen der Politik und hinter Frage die Spielregeln.
00:24:31: Bleib neugierig!
00:24:33: Bis zum nächsten
00:24:35: Mal!
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