7 Die riskante Wette auf ewiges Wachstum
Shownotes
Anhaltendes Wachstum ist ein Ausnahmezustand, keine Naturkonstante. Renten, Schulden und Versprechen rechnen fest mit dem Zuwachs von morgen. Solange die Flut steigt, schweigt der Verteilungskonflikt.
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00:00:00: Das ist der Podcast.
00:00:01: Herbert und Mara erklären Wirtschaft.
00:00:03: Heute widmen wir uns dem Thema Wachstum als Ausnahmezustand.
00:00:08: Stell dir mal für einen kurzen Moment eine ganz simple durchgezogene Linie vor, eine Linie die den materiellen Wohlstand der Menschheit über die letzten zweitausend Jahre abbildet.
00:00:19: Du ziehst diese Linie auf einem gedanklichen Blatt Papier einfach Mal von links nach rechts Jahrhundert um Jahrhundert Und diese Linien sind im Grunde Naja, sie ist völlig flach.
00:00:31: Ja, sie verläuft wirklich horizontal.
00:00:33: also natürlich gab es in dieser ewig langen Zeitspanne immer wieder mal Kriege, verheerende Seuchen, neue Handelsrouten oder einfach nur Phasen mit besonders guten Ernten.
00:00:44: Klar so kleine Schwankungen halt!
00:00:46: Genau das sorgte für minimale kurzfristige Schwankung in dieser Kurve aber strukturell betrachtet blieb das pro Kopf Einkommen über unzählige Generationen hinweg eisern konstant.
00:00:58: der Lebensstandard war wie in so einer eisernen Klammer gefangen.
00:01:03: Das ist eine Realität die wir uns heute kognitiv kaum noch erschließen können, oder?
00:01:09: Wir gehen ja als Gesellschaft völlig selbstverständlich davon aus, dass unsere Kinder es mal besser haben werden.
00:01:15: Absolut!
00:01:16: Dass es nächstes Jahr ein besseres Smartphone gibt – effizientere Medikamente und moderner Autos.
00:01:23: Aber wenn du sagen wir mal im Jahr thirteenhundert gelebt hättest, war dein Urgroßvater in der Regel exakt genauso wohlhabend oder arm wie dessen Urgroßenvater.
00:01:33: Hm,
00:01:33: exakt….
00:01:34: Und man erwartete für die eigenen Urenkel auch nichts anderes.
00:01:38: Der Horizont der menschlichen Existenz war völlig statisch, Die Vorstellung von so einem fortlaufenden materiellen Fortschritt existierte schlichtweg gar
00:01:47: nicht.".
00:02:01: Führte das nicht etwa dazu, dass der einzelne Bauer plötzlich systematisch reicher wurde?
00:02:06: Ah
00:02:07: ok.
00:02:07: Es führte schlicht dazu, daß mehr Kinder das Säuglingsalter überlebten.
00:02:11: Die Bevölkerung wuchs dann und der neu gewonnene landwirtschaftliche Überschuss wurde sofort von den zusätzlichen Mündern wieder aufgefressen.
00:02:18: Wahnsinn!
00:02:19: Ja
00:02:19: Der Wohlstand pro Kopf fiel fast sofort wieder auf das absolute Existenzminimum zurück.
00:02:24: Ein endloser Kreislauf
00:02:26: Bis zu einem ganz bestimmten Punkt Also ganz am rechten Rand unserer zweitausendjährigen Zeitachse.
00:02:33: Da passiert etwas, das aus historischer Perspektive völlig bizarr ist.
00:02:39: Vor rund zweihundert Jahren mit dem Beginn der Industrialisierung schießt diese flache Linie plötzlich nach oben und zwar nicht in einem sanften Firmundvierzig-Grad-Winkel sondern fast senkrecht.
00:02:50: Ja
00:02:51: wie aus dem Nichts?
00:02:52: Genau!
00:02:53: Die Kurve sieht auf einmal aus wie ein Hockey Schläger, der flach auf dem Boden liegt Und am Ende ragt die Kelle extrem steil in Gehöhe.
00:03:00: Der Wohlstand explodiert regelrecht!
00:03:03: Das verschiebt unsere Perspektive heute komplett?
00:03:06: Ja,
00:03:06: total.
00:03:07: Wir betrachten Stagnation heute immer als ein temporäres Versagen – also von der Politik oder der Wirtschaft.
00:03:13: dabei war sie ja tausende lang der absolute und unverrückbare Standard.
00:03:17: Wir neigen dazu, unsere momentane historische Epoche mit so einem ewigen unumstößlichen Naturgesetz zu verwechseln.
00:03:33: Unsere gesamte Lebensplanung, unsere Sozialsysteme und unsere Staatenarchitektur – all das ist um die Prämisse herumgebaut, dass diese steile aufwärtsgerichtete Linie ewig so weitergeht!
00:03:47: Das ist so als würdest du einmal im Lotto gewinnen?
00:03:50: So einen massiven Millionen Jackpot abräumen.
00:03:53: Gutes
00:03:53: Bild.
00:03:53: Ja!
00:03:54: Und am nächsten Tag gehst du dann fest davon aus, dass dieser Lotto-Gewinn ab sofort dein normales monatliches Festgehalt ist?
00:04:01: Man plant das Haus die laufenden Kosten den Lebensstil komplett auf Basis dieses einen historischen Zufalls.
00:04:07: Genau das tun wir.
00:04:08: Aber ich muss da mal kritisch nachhangen Fühlt sich dieses jedes Jahr ein bisschen mehr für uns heute nicht absolut selbstverständlich und auch stabil an?
00:04:17: Es fühlt sich stabil an ja Aber genau diese gefühlte Selbstverständlichkeit ist eine Illusion.
00:04:23: Und zwar, weil wir zufindig in diesem einen extrem ungewöhnlichen rasanten Abschnitt leben – ein paar Generationen in der gesamten Menschheitsgeschichte.
00:04:33: Okay wenn dieses Wachstum also wirklich eine historische Anomalie ist… was war dann überhaupt der plötzliche Auslöser?
00:04:40: Also irgendein Mechanismus muss diese flache Kurve nach fast zweitausend Jahren Stagnation ja überhaupt explodieren lassen haben!
00:04:47: Um diese Mechanik zu entschlüsseln, müssen wir uns ansehen wie ganz früh versucht wurde das Phänomen Wachstum mathematisch zu greifen.
00:04:55: Lange Zeit dachte man die Gleichung sei total trivial.
00:04:58: Man braucht einfach nur mehr Kapital
00:05:01: Also einfach mehr Geld und Material ins System werfen.
00:05:03: Genau Wenn man mehr Maschinen baut Mehr Fabrikhallen errichtet Und mehr Geld in das System pumpt Dann wächst die Wirtschaft automatisch So dachte man.
00:05:13: Aber der Ökonom Robert Solo wies danach, dass dieses Modell einen massiven Denkfehler hat.
00:05:19: Nur mehr Maschinen in ein bestehendes System hineinzustecken läuft sich unweigerlich tot.
00:05:25: Weil es da so eine harte Grenze gibt?
00:05:28: Richtig!
00:05:28: Die zehnte Maschine in derselben Fabrik-Halle bringt einfach viel weniger Zusatznutzen als die allererste.
00:05:34: Das
00:05:34: Prinzip der abnehmenden Grenzerträge – das lässt sicher an modernen Infrastrukturprojekten wunderbar illustrieren finde ich.
00:05:43: Also wenn man eine wichtige Autobahn baut, die zwei große Städte verbindet ist der wirtschaftliche Nutzen gigantisch.
00:05:50: Die Transportzeiten halbieren sich.
00:05:53: Absolut!
00:05:54: Baut
00:05:54: man dann eine zweite Fahrspur an – ist der Nutzen immer noch groß?
00:05:58: Aber wenn man anfängt, die zwanzigste oder fünfzigste Fahrspuren hinzuzufügen…
00:06:02: Dann stiftet das kaum mehr Wert.
00:06:05: Genau.
00:06:05: Im Gegenteil, die Komplexität der ganzen Auf- und Abfahrten führt irgendwann einfach zu einem ewigen Dauerstau.
00:06:12: Reine Kapitalakkumulation, also einfach nur mehr vom Gleichen kann logischerweise nicht der Motor für unendliches exponentielles Wachstum sein.
00:06:20: Und Solo erkannte genau das!
00:06:22: In seinen Modellen rechnete er den Einfluss von Kapital und den Einfluß von bloßer Arbeitskraft heraus – und was dann als treibende Kraft für das langfristige Wachstrom übrig blieb war eine Art Restgröße die man als technischen Fortschritt identifizierte.
00:06:39: Neue Verfahren bessere Ideen, effizientere Organisation.
00:06:44: Das intellektuell unbefriedigende an diesen frühen Modellen war jedoch dass dieser technische Fortschritt als völlig exogen betrachtet wurde.
00:06:52: Exogen heißt in dem Fall was genau?
00:06:54: Dass er eine Variable in der Gleichung war die quasi wie das Wetter von außen auf die Wirtschaft einwirkte.
00:07:01: Niemand konnte erklären warum mehr passiert wer ihn auslöst und vor allem wie man ihn verlässlich planen kann.
00:07:09: Das ist ja wie ein schlechtes Film-Drehbuch.
00:07:11: Das ist, wie ein Deus Ex Machina plötzlich kommt aus dem Nichts die Rettung vom Himmel gefallen.
00:07:16: Ja exakt!
00:07:17: Eine absolute Black Box.
00:07:19: Man versucht also panisch das Wachstum am Leben zu halten verlässt sich aber auf einen Motor dessen Funktionsweise man im Modell gar nicht abbilden kann.
00:07:29: Das bedeutet also – und da frage ich jetzt mal provokant – Wirtschaftswachstum ist gar kein verlässlicher Spaziergang nach oben, sondern eher ein Ritt auf einem Erdbeben das uns irgendwie zufällig Wohlstand abwirft.
00:07:42: Diese Blackbox wurde nämlich erst durch Denker wie Joseph Schumpeter so richtig geöffnet.
00:07:47: Er räumte mit der Illusion auf, dass Innovation ein sanfter planbarer Strom ist!
00:07:53: Sie nieselt nicht einfach sanft vom Himmel – sie kommt in unberechenbaren brutalen Schüben durch und das ist sein Begriff
00:08:02: «schöpferische Zerstörung».
00:08:05: Es reist alte Industrien ein um neue aufzubauen….
00:08:08: es ist wirklich ein Erdbeben... Und deshalb hängt dieses Wachstum auch an einer extrem fragilen gesellschaftlichen Kette.
00:08:15: Wie meinst du das mit der fragilen Kette?
00:08:18: Naja, damit Menschen in einer solchen von ständiger Zerstörung bedrohten Wirtschaft überhaupt investieren braucht es ein massives Fundament an Vertrauen.
00:08:27: Vertrauen in verlächliche Institutionen und Eigentumsrechte, man tätigt riesige Vorabinvestitionen in völlig unbekannte Zukunften, von denen heute niemand weiß ob sie in zehn Jahren funktionieren.
00:08:39: Richtig!
00:08:40: Wenn diese institutionelle Kette reist, wenn das Vertrauen schwindet dann stockt das Wachstum.
00:08:48: Und zwar nicht als vorübergehende Krise sondern als Rückkehr zum historischen Normalzustand zu unserer flachen Linie.
00:08:56: Wahnsinn!
00:08:56: Und das wirft für die tiefe Erkundung eine entscheidende Frage auf Wenn Wachstum also eigentlich ein unberechenbares Erdbeben und keine Naturkonstante ist, was bedeutet das für all die gesellschaftlichen Systeme?
00:09:11: Die wir in den blinden Glauben gebaut haben dass die Linie ewig glatt weiter steigt.
00:09:16: Das ist der Punkt an dem es für uns alle extrem persönlich wird.
00:09:19: Das heißt ja wenn ich dich als Zuhörer mal direkt anspreche... ...die Rente mit der du in ein paar Jahrzehnten fest rechnest ist im Grunde eine riskante Wette auf ein historisches Ausnahmephänomen.
00:09:31: Ja, absolut.
00:09:32: Unsere gesamten Systeme sind Wetten auf ewiges Wachstum.
00:09:36: Nehmen wir die Rentensysteme – die basieren bei uns auf dem Umlageverfahren.
00:09:40: das bedeutet?
00:09:40: Wer heute arbeitet zahlt die Rente derer, die heute im Ruhrstand sind.
00:09:45: Dieses System funktioniert mathematisch und sozial nur unter einer ganz strikten Bedingung.
00:09:50: Die Wirtschaft und damit die verteilbare Masse muss morgen zwingend größer sein als heute!
00:09:56: Nur dann können die Jungen die Renten der Alten bezahlen, ohne selbst finanziell erdrückt zu werden.
00:10:01: Weil es sonst ein brutales Nullsummenspiel wird!
00:10:03: Ganz genau.
00:10:04: Aber
00:10:04: das gilt doch nicht nur für die Renten.
00:10:06: Bei den Staatsschulden ist es doch exakt dasselbe, oder?
00:10:08: Richtig!
00:10:09: Staaten verschulden sich in der festen dogmatischen Annahme diese Schulden aus dem mühelosen zukünftigen Wachstum quasi von selbst zurückzahlen zu können Weil
00:10:17: der Nenner des Bruchs also das Protoinlandsprodukt immer weiter wächst.
00:10:21: Exakt
00:10:22: Die Schuldenquote sinkt automatisch wenn die Wirtschaft wächst Selbst wenn man die absoluten Schulden gar nicht tägt.
00:10:29: Aber klassische Ökonomiemodelle blenden dabei oft einen riesigen, blinden Fleck komplett aus.
00:10:35: Nämlich die physischen Grenzen unseres Planeten!
00:10:43: Man hat die Natur in den Modellen jahrzehntelang wie einen unendlichen Gratissprecher behandelt.
00:10:51: Wir nutzen erneuerbare Energien, der menschliche Erfindergeist findet doch immer einen Weg oder?
00:11:09: Diese Technik Hoffnung ist verständlich.
00:11:11: Aber ich muss sie an dieser Stelle leider etwas abbremsen – es gibt dafür schlicht keine Garantie!
00:11:17: Oft sehen wir in der Realität den sogenannten Rebound-Effekt.
00:11:21: Ah… das Yervons Paradoxon
00:11:23: Genau Wir erfinden effizientere LEDs, die kaum noch Strom verbrauchen.
00:11:28: Das Resultat ist aber nicht dass wir massiv Strom sparen sondern dass wir plötzlich ganze Hausfassaden und Gärten die ganze Nacht hell erleuchten weil es so unfassbar billig geworden ist.
00:11:40: Ok das heißt Effizienzgewinne führen oft zu noch mehr absoluten Verbrauch?
00:11:44: Richtig!
00:11:45: Die ehrliche ziemlich unbequeme Frage lautet daher eigentlich nicht mehr wie halten wir das Wachstum ewig hoch?
00:11:53: Was trägt unsere Gesellschaft, wenn dieses Wachstum einmal nicht mehr trägt?
00:11:57: Puh!
00:11:58: Um überhaupt einschätzen zu grinnern ob wir diese gewaltige gesellschaftliche Wette in Zukunft noch gewinnen müssen.
00:12:04: Wir uns den eigentlichen Treibstoff dieses Wachtstums ansehen einen Begriff der wirklich trocken klingt.
00:12:10: aber unser aller Schicksal entscheidet und das bringt uns zu unserem heutigen Gezeiten.
00:12:15: Glosser
00:12:16: sehr gut.
00:12:17: Das Wort lautet Produktivität.
00:12:20: ja
00:12:20: produktivität.
00:12:21: oft gehört oft völlig falsch verstanden.
00:12:24: Die strikte Definition lautet, wie viel Wert schafft eine einzige Stunde Arbeit?
00:12:30: Wichtig!
00:12:30: Es geht also nicht darum, wie viele Stunden wir insgesamt arbeiten.
00:12:34: Exakt
00:12:35: – es geht nicht um die reine Menge.
00:12:37: Wenn wir alle anfangen, achtzig Stunden die Woche zu schuften steigt zwar der Output aber unsere Produktivität hat sich nicht verbessert.
00:12:43: Wir haben uns nur mehr erschöpft.
00:12:45: Ein klassisches Beispiel dafür wäre doch der Bauer
00:12:47: oder?
00:12:47: Ihr nimm einen Bauern von früher purer Muskelkraft und einem handgezogenen Flug eine ganze Woche gebraucht, um ein Feld zu bestellen.
00:12:56: Ein moderner Land wird der einen GPS-gesteuerten Traktor nutzt – schafft ihr genau dasselbe Feld in einer einzigen Stunde!
00:13:03: Wahnsinn!
00:13:03: Die eingesetzte Lebenszeit ist dramatisch gesunken, aber der geschaffene Wert in dieser Einstunde ist explodiert.
00:13:10: Also zusammenfassen kann man sagen langfristiger Reichtum entsteht also nicht dadurch dass du und ich einfach noch mehr Stunden schuften.
00:13:18: Der Tag hat schließlich gnadenlos nur vierundzwanzig Stunden.
00:13:20: Richtig Wir werden reicher weil dieselbe Stunde mehr abwirft.
00:13:24: Produktivität is also das eigentliche Geheimnis dieses Hockyschlägers.
00:13:28: besser kann man es nicht auf den Punkt bringen.
00:13:31: Die allerwichtigste und interessanterweise auch die stillste Frage für die Stabilität von Renten, Schulden und dem eigenen Leben ist – ob dieser Motor der Produktivität weiterläuft oder anfängt zu stottern?
00:13:45: Wenn wir aus einer Stunde Arbeitszeit in Zukunft nicht mehr Wert schöpfen können als heute… dann flacht unsere Hockeyschlägerkurve unweigerlich wieder ab!
00:13:56: Und wenn ständiges Wachstum also wirklich nur eine historische Ausnahme ist, wie sehr eigentlich dein eigener ganz persönlicher Lebensentwurf aus, wenn du ab heute nicht mehr davon ausgehen könntest dass du in zwanzig Jahren finanziell automatisch besser dastehst als heute.
00:14:11: Wirst Du bereit für eine Welt in der genug das neue Meer ist?
00:14:14: Denk mal drüber nach!
00:14:15: Das war unsere heutige tiefe Erkundung dieses Wahnsinns-Themas.
00:14:19: Danke fürs Zuhören und bis zum nächsten
00:14:22: Mal.
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