6 Marktgleichgewicht ist ein Lineal kein Foto
Shownotes
Das Gleichgewicht ist ein Standbild, kein Zustand. Erwartungen treiben die Preise — und die Preise die Erwartungen. Wer das Ungleichgewicht aussitzen kann, bestimmt, wo es endet.
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00:00:00: Das ist der Podcast.
00:00:01: Herbert und Mara erklären Wirtschaft.
00:00:04: Heute widmen wir uns dem Thema.
00:00:07: Gleichgewicht ist eine Metapher!
00:00:10: Und damit wende ich mich direkt an dich, der uns da draußen gerade zuhört – wie oft hörst du in den Nachrichten eigentlich diesen wunderbar beruhigenden Satz?
00:00:23: Exakt!
00:00:24: Das klingt ja fast wie so ein unumströssliches Naturgesetz
00:00:27: oder?!
00:00:28: Also man stellt sich da automatisch eine alte massive Apotheker-Wage vor.
00:00:31: Mhm,
00:00:32: so ne richtig schwere Ausmessing!
00:00:34: Genau und die Schalen wackeln vielleicht nach einem Schock noch kurz hin und her aber wenn man sie dann einfach in Ruhe lässt pendelt sich das Ganze völlig von selbst wieder in dieser perfekten horizontalen Mitte ein.
00:00:46: Ein echt schönes harmonisches Bild ja Aber
00:00:48: Hand aufs Herz überleg doch mal ganz konkret für dich selbst Wann hast du in deinem Leben zuletzt einen
00:00:56: Markt
00:00:57: gesehen der wirklich Stichstand, also der seine perfekte Ruhe gefunden hat wo alle zufrieden sind und dann bleibt er einfach genau in diesem Zustand.
00:01:06: Da werden wir wahrscheinlich sehr lange suchen müssen denn das ist in der Realität schlicht eine totale Illusion.
00:01:13: Definitiv!
00:01:14: Und wir werden heute genau dieses fast schon heilige Konzept des Gleichgewichts komplett entzaubern.
00:01:20: Wir schauen uns an warum der Markt in der echten Welt fast niemals zur Ruhe kommt.
00:01:24: Ja, weil wir verstehen müssen welche Kräfte ihn eigentlich permanent antreiben.
00:01:28: Richtig!
00:01:29: Und am Ende – und das ist das eigentlich Verrückte an der ganzen Geschichte – schauen wir uns an warum das Konzept des Gleichgewichts trotzdem das wichtigste Werkzeug in unserer mentalen Werkzeugkiste ist?
00:01:39: Pass okay aber lass uns das mal aufdröseln.
00:01:43: Bevor wir dieses Konzept genüsslich zerlegen, müssen wir erstmal klären was uns die Lehrbücher eigentlich weiß machen wollen.
00:01:51: Die klassische Theorie
00:01:52: Genau Wenn du jemals in der Schule oder an der Uni einen Wirtschaftskurs hattest, kennst Du garantiert dieses eine berühmte Diagramm.
00:02:01: Also ein großes
00:02:02: X,
00:02:04: die eine Linie fällt ab – das ist die Nachfrage?
00:02:07: Die andere Linie steigt an…das ist das Angebot!
00:02:10: Und genau in der Mitte an diesem winzigen Punkt wo sich die beiden Linien kreuzen, da haben wir es dann … Das Marktgleichgewicht Richtig.
00:02:22: Alles was produziert wird, wird auch exakt in dieser Menge gekauft.
00:02:25: Niemand hat zu viel, niemand hat zu wenig Auflager – es ist das Bild einer perfekten Maschine ohne jeden Überschuss!
00:02:32: Was ja echt faszinierend ist, dass der ökonomische Frieden in der Theorie einen massiven Haken hat.
00:02:38: Welchen denn?
00:02:39: In diesem perfekter Gleichgewicht entspricht der Preis exakt den Produktionskosten.
00:02:44: Das bedeutet für die Unternehmer, Der Gewinn über die reinen Kosten hinaus auf null sinkt.
00:02:51: Oh!
00:02:51: Also niemand macht mehr ein Extra-Geschäft?
00:02:53: Genau, und der Ökonom Joseph Schumpeter hat daraus einen extrem wichtigen Schluss gezogen.
00:02:59: Er meinte, der Unternehmer sucht in Wahrheit gar kein Gleichgewicht.
00:03:03: Okay
00:03:04: Im Gegenteil – der Unternehmert verabscheut das Gleichgewichts geradezu Weil es für ihn Stagnation bedeutet.
00:03:11: Null Profit Erlebt also davon diese Ruhe ganz bewusst zu zerstören.
00:03:15: Das heißt ja Unternehmer ist eigentlich der Typ, der an diese ruhig pendelnde Waage herantet und zack mit voller Absicht ein riesigen Stein auf eine Seite knallt.
00:03:23: Absolut!
00:03:24: Schumpeter nannte das die schöpferische
00:03:28: Zerstörung.
00:03:29: Stell dir vor – Ein Markt hat sich beruhigt.
00:03:32: Handys sehen alle gleich aus, kosten alle gleich viel Die Margen sind winzig Und dann kommt jemand und er findet das Smartphone.
00:03:40: Bäm alles steht wieder auf dem Kopf.
00:03:42: Genau!
00:03:43: Plötzlich ist das alte Gleichgewicht Wertlos.
00:03:46: Der Erfinder hat für kurze Zeit ein Monopol, kann hohe Preise verlangen und macht riesige Gewinne – ebenweil er das System gestört
00:03:53: hat.".
00:03:54: Und es geht dann so lange bis die Konkurrenz das kopiert!
00:03:57: Die Preise fallen und der Markt sich wieder einpendelt….
00:04:00: aber dann kommt ja schon die nächste Erfindung …
00:04:02: Ein endloses Katz-und Maus Spieljahr.
00:04:04: Ein anderer Denker Friedrich August von Hayek hat das mal als Entdeckungsverfahren beschrieben ... Gleichgewicht ist bei ihm kein Zustand den man vorfindet, sondern ein ständiger Suchprozess.
00:04:16: Ja die Akteure tasten sich quasi im Dunkeln vor!
00:04:20: Sie machen Fehler?
00:04:21: Sie passen Preise an?
00:04:22: Stell dir mal vor du versuchst einen Bild von einem rennenden Gepaden zu malen.
00:04:27: Du bittest den Gepaten mal kurz stillzuhalten damit du seine Proportion richtig malen kannst.
00:04:32: Genau das versucht diese statische Theorie mit der Wirtschaft.
00:04:36: Ah, verstehe!
00:04:37: Aber der Gepart hält natürlich nicht an.
00:04:39: Er rennt einfach weiter...
00:04:40: Und wenn sich der Markt in der Realität also nicht von selbst einpendelt?
00:04:45: Wie sieht es dann in der echten Welt
00:04:46: aus?!
00:04:47: Lass uns doch mal auf den Markt für Bauland schauen – das brennt uns ja allen unter den Nägeln.
00:04:51: Ohja….
00:04:52: Ein extrem gutes Beispiel um die Selbstregulierung einmal einem Stresstest zu unterziehen
00:04:57: Weil eigentlich müsste doch eine massive Knadtheit an Wohnraum, also extrem hohe Preise für Bauland ein ganz klares Signalfeuer sein.
00:05:06: Richtig!
00:05:07: Der Preis signalisiert – hier gibt es eine hohe Nachfrage, hier könnt ihr viel Geld verdienen.
00:05:12: Und dann müssten Investoren kommen und wie wild anfangen zu bauen?
00:05:16: Das Angebot an Wohnungen steigt die Knappheit verschwindet der Preis sinkt und bumm.
00:05:22: wir haben unser Gleichgewicht.
00:05:23: Aber warum passiert das in unseren Städten einfach nicht?
00:05:26: Weil hier ein Mechanismus greift, der sich Landbanking nennt.
00:05:30: LANDBANKING!
00:05:32: Okay.
00:05:32: Jemand kauft wertvolle Grundstücke in der Innenstadt und lässt sie dann absichtlich leer liegen – jahrelang….
00:05:38: Aber warum?
00:05:39: …um auf noch höhere Preise zu warten.
00:05:42: Die Akteure wissen das Boden in der Stadt nicht vermehrbar ist.
00:05:45: Wenn der Wert jedes Jahr um zehn Prozent steigt allein weil die Stadt wächst, ist das eine fantastische Rendite.
00:05:52: Aber warte mal... Das Grundstück einfach leer liegen zu lassen kostet doch auch Geld, oder?
00:05:57: Grundsteuer, Zinsen für Kredite.
00:06:00: Müsste das den Besitzer nicht zwingen zu bauen?
00:06:02: Das ist genau der Punkt an dem das System in Schieflage gerät.
00:06:06: Die laufenden Kosten sind oft extrem niedrig im Vergleich zu den massiven Wertsteigerungen.
00:06:11: Ah okay Ein Gebäude zu errichten ist riskant.
00:06:13: Baukosten explodieren Vorschriften Handwerkermangel die passive Wertsteigung des reinen Bodens erfordert dagegen null Aufwand.
00:06:21: Das heißt, die Knappheit wird hier nicht durch den Markt aufgelöst sondern ganz bewusst als Geschäftsmodell aufrecht
00:06:28: erhalten.
00:06:29: Ganz genau!
00:06:30: Warten ist schlichtweg profitabler als bauen.
00:06:33: Wahnsinn... Der Markt pendelt sich hier also nicht ein?
00:06:36: Er verstärkt seine eigene Schieflage
00:06:39: noch?!
00:06:40: Ausgerechnet der Mechanismus, der Ressourceneffizient verteilen soll, belohnt hier die Nichtnutzung.
00:06:46: Ja und das bringt uns zu einer noch viel gravierenderen Frage.
00:06:49: Okay hau raus!
00:06:50: Was passiert eigentlich wenn ein Markt tatsächlich mal einen völlig stabilen Zustand findet?
00:06:54: Also ein echtes Gleichgewicht.
00:06:57: Aber dieser Zustand ist eine totale Katastrophe
00:07:00: Eine Katastrofe.
00:07:01: aber ich dachte wenn die Kräfte ausgeglichen sind ist es systemgesund.
00:07:05: Wenn wir das Mal mit dem großen Ganzen verbinden müssen wir über John Maynard Keynes sprechen
00:07:10: Den berühmten Ökonom.
00:07:11: Genau!
00:07:12: Lange glaubte man an das Naturgesetz, dass die Wirtschaft nach einer Krise immer automatisch zur Vollbeschäftigung zurückkehrt.
00:07:19: Die Logik war Wenn es viele Arbeitslose gibt wird Arbeit billiger.
00:07:23: Und wenn Arbeit billig wurde stellen Unternehmen wieder Leute ein.
00:07:27: Aber Keynes bewies, dass das ein fataler Trugschluss ist.
00:07:30: Eine Volkswirtschaft kann über Jahre hinweg in massiver Arbeitslosigkeit verharren.
00:07:35: Weil sich Löhne in der echten Welt eben nicht so einfach kürzen lassen oder?
00:07:39: Ich kann ja nicht als Chefs sagen ab morgen kriegt ihr alle vierzig Prozent weniger aber ihr dürft bleiben!
00:07:44: Richtig...Löhne sind wie Keynes sagte klebrig.
00:07:48: Aber der zweite Punkt ist noch entscheidender.
00:07:50: Wenn die Löhnen wirklich drastisch sinken würden hätten die Leute weniger Geld in der Tasche.
00:07:54: Oh
00:07:55: und dann...?
00:07:56: Konsumieren Sie weniger.
00:07:57: Exakt, und wer kauft dann die Produkte der Unternehmen, die jetzt eigentlich mehr produzieren sollen?
00:08:02: Niemand!
00:08:03: Weil allen das Geld fehlt.
00:08:05: Richtig.
00:08:06: Niemand stellt ein, niemand investiert – Der Konsum ist im Keller.
00:08:10: Das ist ein absolut stabiler Zustand.
00:08:12: Es gibt keine Gegenkraft mehr.
00:08:14: Ein Aha-Moment für mich gerade…das ist quasi ein Gleichgewicht des Elends oder?
00:08:19: Ja
00:08:19: leider.
00:08:20: Also was bedeutet das alles für uns?
00:08:23: Das macht doch eigentlich total klar, wie brandgefährlich diese Beruhigungsformel vom Markt der das schon regelt in der Politik sein kann.
00:08:31: Absolut!
00:08:32: Wer darauf wartet dass sich das Elend von allein einpendelt, der wartet oft auf etwas das einfach nie kommt.
00:08:39: Wenn dein Auto im Schlamm feststeckt ist es auch ein stabiles Gleichgewicht Aber da rührt sich nichts mehr von allein.
00:08:46: Sehr schönes Bild aber an diesem Punkt müssen wir aufpassen.
00:08:49: Inwiefern?
00:08:50: Wenn das Gleichgewicht in der Realität eine Illusion ist oder uns im Elend festhält, dann kommt jetzt bestimmt die Frage warum wir das Konzept nicht einfach auf den Müll werfen.
00:09:00: Das hätte ich als nächstes gefragt – als Anwalt des Zuhörers sozusagen!
00:09:05: Ein Werkzeug, dass eine Welt beschreibt, die gar nicht existiert, ist doch nutzlos, oder?
00:09:09: Weg damit!
00:09:10: Absolut nicht!
00:09:12: Gerade weil es nicht existieren wird, ist es unverzichtbar.
00:09:16: Stell dir den Nullpunkt auf einer Landkarte vor, wo sich Nullmeridian und Äquator kreuzen.
00:09:21: Irgendwo im Ozean ja!
00:09:23: Der
00:09:23: Punkt selbst ist unbedeutend da es nur Wasser aber ohne ihn kannst du keine Entfernungen messen.
00:09:29: Du brauchst diesen künstlichen Punkt.
00:09:31: Ah
00:09:31: ok
00:09:32: Das Gleichgewicht ist ein Lineal kein Foto.
00:09:35: Es zeigt uns nicht die Realität sondern es ist ein Messinstrument.
00:09:39: Ein Lineal kein Foto, das ist genial!
00:09:42: Wir brauchen es um zu erkennen welche Kräfte den Markt aktuell aus der Ruhe treiben.
00:09:47: Der Fehler beginnt erst dann wenn man das Lineal fälschlicherweise für ein Foto der Wirklichkeit hält.
00:09:52: Das ist wirklich der Kernmerksatz der Episode und um zu verstehen warum die Märkte ständig von diesem Lineal abweichen müssen wir eine neue Vokabel lernen.
00:10:01: Oh ja
00:10:02: Und damit sind wir beim Gezeitenglosser.
00:10:04: ganz kurz und schmerzlos – das Wort des Tages lautet heute Rückkoppelung oder eben Feedback.
00:10:12: Genau und hier gibt es zwei Arten, die negative Rückkopplung und die positive Rückkopplung.
00:10:18: Lass uns mit der negativen anfangen!
00:10:20: Negative Rückkoppelungen führt ein System zur Ruhe.
00:10:23: das hat nichts mit schlecht zu tun sondern mit ausgleichend
00:10:27: wie beim einem Thermostat Zuhause oder?
00:10:29: Perfektes Beispiel.
00:10:30: erklär mal
00:10:31: also Ich stelle zwanzig Grad ein, wenn das Fenster offen ist und es auf fünfzehn Grad abkühlt, merkt der Sensor das.
00:10:39: Die Heizung springt an und heizt gegen die Abkühlung an.
00:10:42: Sobald's wieder zwanzzig Grad hat schaltet sie ab.
00:10:45: Das System wird also immer wieder in die Mitte zurückgezogen.
00:10:49: Richtig!
00:10:49: Das wäre die Welt des perfekten Gleichgewichts.
00:10:52: Aber die Märkte funktionieren oft eher nach der positiven Rückkopplung
00:10:56: Und das heißt...das System verstärkt sich selbst?
00:10:58: Ganz genau Eine Störung führt zu einer Reaktion, die das System noch weiter in dieselbe Richtung treibt.
00:11:04: Erfolg bringt mehr Erfolg, Angst bringt mehr Angst.
00:11:09: Lass uns das mal an einem richtig drastischen Beispiel durchspielen – dem Bankrun!
00:11:14: Oh ja, das klassische Horrorszenario für jede Bank.
00:11:17: Stell dir vor du stehst morgens vor deiner Bank und siehst da stehen plötzlich zehn Leute unruhig in der Schlange.
00:11:24: Du hörst ein Gerücht?
00:11:25: Die Bank sei pleite.
00:11:27: Du weißt nicht ob es stimmt Aber dein ganzes Erspartes liegt da.
00:11:31: Was machst du?
00:11:32: Rational gesehen stellst Du Dich sofort in die Schlange und hebst Dein Geld ab, sicher ist sicher!
00:11:37: Genau – Und jetzt sehen andere Leute das da nicht mehr zehn sondern zwanzig Leute stehen.
00:11:43: Die kriegen auch Panik und stellen sich dazu Aus Zwanzig werden hundert dann tausend.
00:11:47: Und
00:11:48: genau durch diese Angst wird die Bank am Ende tatsächlich zahlungsunfähig
00:11:52: Weil die Bank ja das ganze Geld gar nicht im Tresor liegen hat oder?
00:11:56: Richtig Das Geld ist als Kredit verliehen.
00:11:58: Wenn alle gleichzeitig hier Bargeld fordern, ist die Bank sofort pleite.
00:12:02: Die Angst erzeugt exakt das was sie befürchtet hat.
00:12:05: Das ist positive Rückkoppelung in Reihenform und auch der Grund warum Märkte eben nicht sanft einpendeln sondern total überschießen oder komplett kippen.
00:12:16: Exakt!
00:12:17: Verabschiede dich also am besten direkt von der Illusion der ständigen Ruhe.
00:12:21: Und das ist auch schon unser letzter Gedanke für heute.
00:12:24: Wenn du das nächste Mal in den Nachrichten hörst, dass eine Krise sich schon wieder einrenken wird, frag dich selbst, welche konkrete Kraft soll das eigentlich tun?
00:12:35: Eine sehr gute Frage!
00:12:37: Schau doch mal auf dein eigenes Leben – wo verlässt Du Dich vielleicht blind darauf, dass sich Dinge von selbst wieder ins Gleichgewicht bringen anstatt mal ehrlich auf die treibenden Kräfte dahinter zu schauen?
00:12:47: wahre Worte
00:12:49: Denk mal drüber nach.
00:12:50: Das war's für heute, wir hören uns beim nächsten Mal.
00:12:53: Bis dann!
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